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Botschafter des Friedens

Einhart Lorenz erinnert an Willy Brandt

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Wissen wir nicht bereits alles über Willy Brandt, der in dramatischer Zeit »Regierender« in Berlin war, als Bundeskanzler »mehr Demokratie wagen« wollte, mit seinem Kniefall in Warschau um Verzeihung bat und für seine Versöhnungs- und Entspannungspolitik mit dem Friedensnobelpreis geehrt worden ist? Er selbst hat etliche autobiografische Zeugnisse veröffentlicht. Mehr oder weniger Berufene haben im Laufe der Jahre über ihn, sein politisches Wirken und Privatleben Bücher verfasst, Familienangehörige erinnerten sich. Es liegt also eine umfangreiche Literatur vor. Und doch: Das neue Buch von Einhart Lorenz setzt andere Akzente, eröffnet aus bisher nicht gewählter Perspektive einen genaueren Blick auf Brandt.

Der gebürtige Berliner, emeritierter Professor für Geschichte an der Universität Oslo, hatte Zugang zu Quellen, die bislang noch keiner anzapfte. Er studierte norwegische und schwedische Texte von und über seinen Protagonisten im skandinavischen Exil. Seit Jahrzehnten lebt Lorenz in Oslo, er ist mit einer norwegischen Historikerin verheiratet und - nicht unwichtig! - hat Brandt persönlich kennen gelernt. Dessen Entwicklung vom Linkssozialisten (SAP) zu einem kompromissfähigen Sozialdemokraten, der nicht die »reine Lehre« einer Splitterpartei, sondern die politische Wirkungsmacht einer linken Volkspartei anstrebte, ist ohne die Erfahrungen der Kriegs- und Exiljahre nicht denkbar. Die von Lorenz vor einigen Jahren herausgegebene deutsche Übersetzung der für eine norwegische Zeitung geschriebenen Berichte Brandts vom Nürnberger Kriegsverbrechertribunal (»Verbrecher und andere Deutsche«) belegt, wie sehr dem Antifaschisten gelegen war, nach Krieg und Holocaust zu betonen, dass nicht alle Deutsche schuldig geworden sind, viele auch widerstanden. Er war bemüht, das Ansehen Deutschlands im Ausland wiederherzustellen. Und dies, obwohl er selbst im Nachkriegswestdeutschland Diffamierungen als »Landesverräter« ausgesetzt war. Beim Lesen der Biografie von Lorenz wird deutlich, dass die Auseinandersetzungen um seine Haltung zur deutschen Vergangenheit und seine damit eng verbundene Neue Ostpolitik den Beginn eines innenpolitischen Klimawandels in der Bundesrepublik markierten, als Zäsur also eher das Jahr 1962 als das von einigen mythisch verklärte, von anderen verteufelte 1968.

Wohltuend an dieser Biografie ist, dass uns der Autor mit Klatsch- und Tratschgeschichten verschont. Er offeriert eine gut lesbare, wissenschaftlich fundierte politische Biografie mit einigen neuen Bewertungen eines deutschen Politikers, dessen Wertschätzung im Ausland begann und der als internationaler Botschafter des neuen, anderen Deutschlands in der Heimat selbst kaum wahrgenommen wurde. Die Voraussetzungen für diese nicht zu unterschätzende »Botschafterfunktion« Brandts wurden bereits im skandinavischen Exil gelegt. Die internationalen Kontakte, die er dort knüpfte und seine Erfahrungen in der nicht von Intrigen zermürbten Norwegischen Arbeiterpartei gaben ihm einen Vorsprung vor seinen Landsleuten.

Das belegt in dieser Deutlichkeit erstmalig diese Biografie, die ein durchweg von Wohlwollen gezeichnetes Bild von Brandt bietet, ohne dass der Autor vor jenem einen devoten Kniefall macht.

Einhart Lorenz: Willy Brandt. Deutscher - Europäer - Weltbürger. Kohlhammer. 288 S., geb., 24,90 €

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