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Denk mal, Krieger

Ingolf Bossenz über die südkoreanische Art des »Gedenkens«

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Gemeinsame Erinnerungen seien manchmal die besten Friedensstifter, meinte Marcel Proust. Auf die Erinnerung an den 23. November 2010 trifft das gewiss nicht zu. Gestern jährte sich zum zweiten Mal der Tag, an dem die nordkoreanische Armee mehr als 200 Granaten auf die südkoreanische Insel Yeonpyeong abfeuerte. Vier Menschen starben, viele wurden verletzt, über 50 Häuser beschädigt. Südkorea gedachte dieses dunklen Datums - mit einem Militärmanöver. Infanterie, Marine und Luftwaffe exerzierten rund um Yeonpyeong Kriegsszenarien.

Unterstellt man, dass der strapazierte und oft zur hohlen Hülse verkommene Begriff Gedenken nicht nur mit Erinnerung zu tun hat, sondern auch mit Besinnung oder gar mit Denken und Nachdenken, mag man zu dem Schluss kommen, dass diese Art des Gedenkens reichlich bizarr anmutet. Andererseits mangelt es ihr durchaus nicht an martialischer Logik und kriegerischer Konsequenz: Denn in Erinnerung an die vergangenen Jahrzehnte der Koreanischen Halbinsel lässt sich wohl kein Beispiel finden, dass auf einen Akt militärischer Drohung die sich bedroht sehende Seite mit einer denk-würdigen Deeskalation geantwortet hätte. Es ging letztlich immer darum, dem anderen einen Denkzettel zu verpassen. Und Denkzettel stärken zwar die Merkfähigkeit für Missliebiges, aber - ungeachtet ihres Namens - selten das Denken.

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