Ein starkes Stück Omnipotenz

Alice Schwarzer wird 70

Urteile über Alice Schwarzer zu fällen, ist ein Leichtes. In der »Welt« hat die Publizistin Cora Stephan vor zwei Monaten das Buch »Alice im Niemandsland - wie die deutsche Frauenbewegung die Frauen verlor« von Miriam Gebhardt rezensiert. Die Einleitung zum Text bringt den Grundtenor aller Kritik an Schwarzer auf den Punkt: »Die Herausgeberin der ›Emma‹ hat viel für den Feminismus getan. Gleichzeitig ist sie fanatisch, verbohrt und hat sich seit vier Jahrzehnten inhaltlich nicht mehr bewegt«, sagt Miriam Gebhardt.«

Alice Schwarzer ist eine wandelnde Ikone der westdeutschen Frauenbewegung. Vielleicht ist genau das das Problem, das viele mit ihr haben: sie hat den Zeitpunkt des Abtretens von der Spitze verpasst, wandelt weiter. »Mein Problem mit Feministinnen ist, dass das alles in einer Person verkörpert wird - in Alice Schwarzer« - sagt die Schriftstellerin und Moderatorin Charlotte Roche. Und die TV-Moderatorin Lisa Ortgies, die 2008 für wenige Wochen Nachfolgerin von Schwarzer auf dem Posten der Chefredakteurin der Zeitschrift »Emma« war, meinte nach ihrem Quasirauswurf (sie zog selbst rechtzeitig die Reißleine, weil sich sich mit der Redaktion und Schwarzer überworfen hatte): »Ihr Lebenswerk hat mich beeindruckt, aber wie gesagt: losgelöst von der Person.« Alice Schwarzer kehrte als Chefredakteurin zurück; bis heute ist sie Verlegerin, Herausgeberin und Chefredakteurin in einer Person. Ein starkes Stück von Omnipotenz.

Beliebt hat sich Alice Schwarzer nie gemacht und Everbodys Darling ist sie nie geworden. Man muss dabei aber stets von ihrer politischen Mission und der Person trennen. Da hat Lisa Ortgies schon recht. Alice Schwarzer wäre als engagierte Feministin ins historische Gedächtnis der Bundesrepublik eingegangen, wäre ihr ihre Eitelkeit nicht ständig im Wege gewesen. Diese trieb Schwarzer zu einer permanenten Anerkennungstour durch die Medienlandschaft. Sie saß bei Kerner auf der Couch und zankte sich mit Verona Feldbusch, tanzte bei Thomas Gottschalks »Wetten, dass? ...«

Vielleicht steckt aber auch eine politische Strategie dahinter. Motto: Wenn das Gesicht des Feminismus nur überall zu sehen ist, wird sich die politische Botschaft nach und nach in den Köpfen festsetzen. Wie sonst ist es zu erklären, dass Schwarzer seit Jahren offen mit der »Bild«-Zeitung gemeinsame Sache macht? Ist es Dialektik zu nennen, dass die Chef-Feministin, die in den 1980er Jahre in der »Emma« eine Kampagne gegen Pornografie anstieß, heute öffentlich für das Tittenblatt wirbt?

Und wenn's keine Strategie ist, sondern nur eitle Pose? Auch dann bleibt, losgelöst von der Person, etwas Wesentliches im Gesellschaftsgedächtnis: die Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau zur öffentlichen Sprache gebracht zu haben. All ihr Geschwätz bei Kerner, Gottschalk und in der »Bild« verschwindet hinter einer Aussage: »Wir haben abgetrieben«, aufgeschrieben für ein Titelblatt des »Stern«, initiiert von Alice Schwarzer im Jahr 1971.

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