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Zauber auf die Spitze getrieben

Der Cirque du Soleil entführt mit »Corteo« ins Reich der Träume

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Fantasie anregen, Emotionen wecken, das sieht der Cirque du Soleil als seine Mission. Seit 1984 hat sich das in Québec gegründete Ensemble von nur 73 Mitarbeitern zu einem 5000 Leute beschäftigenden Giganten ausgewachsen, der weltweit rund 100 Millionen Besucher das Staunen lehrte und allein 2012 mit 21 unterschiedlichen Shows über den Globus tourt. Cirque du Soleil steht heute für beste Unterhaltung auf allerhöchstem Niveau und mit in eigener Schule entwickelten Darbietungen von singulärer Originalität. Was diese Programme zudem einzigartig macht, ist ihre hinreißende Verbindung von Zirkus und Theater, für die begnadete Künstler aller Genres zusammenwirken. »Corteo« gilt dafür als Paradebeispiel. Was 2005 seine Uraufführung erlebte und inzwischen in mehr als 40 Städten aus neun Ländern vor gut sieben Millionen Zuschauer gastierte, macht nun Station in Berlin.

Schon der illusionistisch bemalte Vorhang, den Bühnenbildner Jean Rabasse, César-prämiert, Oscar-nominiert für seine Filmausstattungen, entwarf, greift barocke Cupido-Darstellungen auf und illuminiert sie mit realen Kandelabern und Lüstern. Bevor er sich öffnet, ziehen die Mitwirkenden im lautstarken Defilee durch den Saal auf, auch sie geschmackvoll barock gewandet. Denn »Corteo« ist das italienische Wort für einen fröhlichen Festumzug. Hier aber tritt ein anderer Sinn zutage. Clown Mauro hat einen Traum: Er sieht sich selbst tot auf der Bühne liegen und erlebt in buntem Reigen Etappen seiner Existenz. Und wie das in Träumen so ist, mischen sich darin reale Ereignisse mit fiktiven. Das setzt eine fantastische Reise durch die Welt der Magie, des Zaubers, des Zirkus und letztlich unsere verborgenen Wünsche in Gang. Abschied nehmen vom lebenden Toten all seine Kollegen: Weiß- und Riesenclown, Artisten, zwei Kleinwüchsige, menschenformierte Pferde. Und seine Geliebten, die sich an drei Kronleuchtern, erster Höhepunkt, in rasanter Luftakrobatik drehen. Mehrere Engel schweben stets über dem Geschehen, wachen über Mauros weiteren Weg.

Doch zunächst erinnert er sich seiner Kinderzeit, als er mit Anderen tobte: als waghalsige Trampolin-Darbietung zu sechst von Bett zu Bett. Dann vollführen fünf Artisten in Cyr Wheels riskante Rollabenteuer, einzeln, in Formation oder gar im Doppel.

All das löst einander nicht wie im Nummernprogramm ab, sondern ist absichtsvoll und sinnreich verknüpft, durch kurze Beiträge wie die versuchte Pferdedressur und die stets präsenten schwebenden Engel. Selbst Absurdes hat seinen Platz: Schuhe oder Beine, die durch die Manege flitzen, fahrende Lichter mit stur eigenem »Kopf«. Denn Regieidee ist auch, dass sich die Story auf einer Rundmanege mit dem berühmten Labyrinth der Kathedrale von Chartres abspielt, die Zuschauer zu beiden Seiten platziert sind. Das schafft zusätzliche Transparenz des Geschehens und lässt die Show in alle Richtungen wirken. Und was da noch alles verblüffend wirkt! Zu Flamencogitarre quert eine Seiltänzerin auf Spitzenschuhen die Szene, steigt im Höhepunkt eine Schräge hinauf. Zu Dudelsackklängen versucht sich der Riesenclown an einem sprechenden Golfball; das Acro-Duo begeistert mit einer Synthese aus Tanz und Paarakrobatik; eine lebende Marionette an Seilen spielt mit Mauro, als wolle man Kleists Text »Über das Marionettentheater« visualisieren.

Helium macht dann möglich, was den Zauber fast auf die Spitze treibt: Die kleine Artistin schwebt an vier gewaltigen Ballons und lässt sich von Mauro immer wieder in die Lüfte stupsen. Außerdem: Wettkampf auf einer Wippe mit Schraubsprüngen in Höchstflughöhe; atemberaubende Luftakrobatik mit Fangwürfen; riskante, ästhetisch ausgewogene Turnkunst an einem Würfel aus Stangen; das Adagio-Duo des kleinwüchsigen Paars wie eine bewegte Porzellankreation; eine harlekineske Jonglage mit Ringen, Reifen, Keulen; Balance auf Leitern, um den Himmel zu erreichen. Verzweifelt dann das Bemühen, im winzigen barocken Wandertheater »Romeo und Julia« aufzuführen. Sensationell ein eleganter Paartanz an den Strapaten, mit freihändigem Flug der Artistin im Spagat.

Er leitet zum Finale über. Mauro hat erfolgreich seinen Traum bestanden, die passenden Engelsflügel gefunden und radelt nun in den Himmel, lächelnd und aller irdischen Mühsal enthoben. Die Gestalten seiner Träumerei winken ihm nach. Und der Besucher fühlt sich reich beschenkt von so viel Hingabe, mit der das gesamte Team für Kostümbild, Choreografie, Licht, Komposition, Livemusik und Gesang die Weltklasseartisten in ein schauspielerisches Konzept eingebunden hat, das uns in verwunschene und doch realitätshaltige Sphären entführt hat - unterm weißen Grand Chapiteau des fabulösen Cirque du Soleil. Un grand Bravo!

Bis 30.12., Cirque du Soleil, Heidestr. 30, nahe Hauptbahnhof, Tickets an der Vorverkaufsstelle am Haupteingang, online unter www.cirquedusoleil.com

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