Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

»Wir können vom Reisanbau nicht leben«

Eine Kleinbäuerin aus Benin über Billigimporte aus Thailand und globale Lebensmittelverschwendung

Juliette Ogbonnikan ist Reisbäuerin und Vorsitzende der Vereinigung Groupement des Exploitants Agricoles du Benin (GEA-Benin). Während das Problem der Lebensmittelverluste in Industrieländern mittlerweile in der Öffentlichkeit ankommt, finden derartige Verluste in Ländern des Südens bisher nur wenig Beachtung. Über die Lage der Reisbauern in Benin sprach mit Ogbonnikan für »nd« Haidy Damm.
Juliette Ogbonnikan
Juliette Ogbonnikan

nd: Ihre Organisation GEA-Benin unterstützt Kleinbauern und Kleinbäuerinnen sowie ProduzentInnen in Benin. Wie arbeiten Sie?
Ogbonnikan: Bei GEA-Benin sind etwa 8000 Kleinbauern und zusätzlich 5000 Kleinbäuerinnen organisiert. Wir produzieren überwiegend Reis und sind deshalb zusätzlich im Rat der Reisanbauern vernetzt, der wiederum zur Plattform der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern Benin gehört. Diese Plattform ist überregional Teil des Netzwerkes der westafrikanischen Bauern und Erzeuger landwirtschaftlicher Produkte (ROPPA).

Sie selbst vertreten die Frauenkooperativen?
Wir Reisbäuerinnen haben uns in Kooperativen organisiert, um gemeinsam Forderungen vorzubringen, um zusammen Saatgut einzukaufen oder Kredite zu bekommen. Die Frauen bauen den Reis nicht nur an, sondern bearbeiten ihn weiter. Dazu schlagen wir den Reis aus, erhitzen ihn im Wasser bei 80 Grad und trocknen ihn anschließend in der Sonne. Das Trocknen dauert etwa zwei bis drei Stunden. Währenddessen muss der Reis gedreht werden, damit er von allen Seiten trocknet. Der Reis behält so seine Vitamine, allerdings könnten wir das Verfahren verbessern, denn wir verlieren immer einen Teil der Ernte.

Wie?
Wir können den Reis nur auf der Erde trocknen und die ist oft feucht. Das schadet dem Reis. Wir können ihn nicht verpacken, weil er nicht feucht in die Säcke darf. Wenn wir entsprechende Flächen mit Beton ausgießen könnten, wären die Verluste geringer. Hinzu kommt, dass es keine gekühlten Lager gibt. Wenn wir zu viel produziert haben, können wir den Reis also nicht lagern, um ihn später zu verkaufen.

Fehlende Lagerhaltung führt auch in anderen Teilen Westafrikas zu Verlusten und Einbußen beim Verdienst wie etwa in Senegal, wo Kleinbauern fordern, dass die Regierung mehr Lagerhallen bauen soll. Wie verhält sich die Regierung Benin?
Bisher unterstützt die Regierung die Kleinbauern viel zu wenig. Dabei sollte sie uns in die Lage versetzen, für die Ernährung des Landes sorgen zu können statt billige Reisimporte aus Thailand zuzulassen. Aber es gibt nicht nur keine Lagerhallen, auch bei Überschwemmungen gibt es kein System, mit dem das Wasser aufgefangen werden kann. In diesen Zeiten können wir nicht produzieren. Die Folge sind hohe Nahrungsmittelverluste. Die Regierung muss dafür sorgen, dass der Reis gut ist und sich das Land selbst ernähren kann.

In Senegal haben Zwiebelbauern einen zeitweiligen Importstopp durchgesetzt. Wäre das auch eine Maßnahme, die Ihnen helfen würde?
Ja, sicher, es sollte kein Reis aus Thailand importiert werden, wenigstens für einige Zeit im Jahr. Wir produzieren für den heimischen Markt, das sollte die Regierung unterstützen. Der Staat kauft stattdessen Reis aus Thailand, nur 30 Prozent des Reises ist aus der heimischen Produktion. Wir können vom Reisanbau nicht leben, denn die Importe aus Asien sind viel billiger und die Leute kaufen ihn, eben weil er billiger ist. Wir können nicht mal in kleinste Dinge investieren. 80 Prozent der Leute, die tatsächlich mal Mikrokredite erhalten haben, können sie nicht zurückzahlen. Im Alltag heißt das, wir können uns keine medizinischen Behandlungen leisten und unsere Kinder nicht in die Schule schicken.

Weltweit gehen bis zu 50 Prozent der Lebensmittel durch Verluste und Verschwendung verloren. Während Sie im Süden mit Ernteverlusten zu kämpfen haben, werden im Norden Nahrungsmittel verschwendet.
Der Unterschied zwischen uns und dem Norden ist, dass im Norden viele Nahrungsmittel im Alltag verschwendet werden. In den Restaurants werden die Portionen nicht aufgegessen, in den Supermärkten werden die Lebensmittel nicht mehr verkauft, sobald das Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Das führt aus meiner Sicht dazu, dass im Norden viel mehr Lebensmittel produziert werden als benötigt.

Die UN-Landwirtschaftsorganisation FAO und viele Wirtschaftsvertreter meinen, die Lebensmittelproduktion müsse gesteigert werden, um die globale Nahrungsmittelkrise zu bekämpfen. Wie sehen Sie das?
Es geht nicht um Ertragssteigerung um jeden Preis, im Sinne dieser Vorschläge geht es jedoch um das große Agrarbusiness, das unterstützt wird von den Regierungen. Unsere Erfahrung ist, dass diejenigen, die chemischen Dünger verwendet haben, deren Böden sind jetzt ausgelaugt. Zudem produzieren sie ungesundes Essen, von dem die Leute krank werden. Wir selbst verwenden lieber ökologischen Dünger wie Kompost oder Dung. Aber es gibt noch viel mehr Möglichkeiten für eine ökologische Landwirtschaft und es ist besser, auf Pestizide zu verzichten.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln