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Wen die Götter lieben ...

Blatt für Gérard Philipe - der Schauspieler wäre heute 90 Jahre alt geworden

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

Er schaute selbstbewusst melancholisch in die Welt, so, als schaue er dorthin, wo Gott wohnt, und er schaute, als wolle er Gott ermuntern: Sei vollkommen - werd' Mensch! Gott ging nicht ein auf das Angebot, aber die Götter: Sie bestätigten das Vollkommene, das Schöne, das Edle, das mutig Weiche dieses Mannes, ja, man kann von Liebe der Götter sprechen, und wen die Götter lieben, den holen sie bekanntlich zu sich. So früh wie möglich. Kein Mittel scheuen sie, nicht Krankheit (Büchner, 23), Mord (Brian Jones von den »Stones«, 27), böse Unfälle (James Dean, 24).

Bei Gérard Philipe, dem 37-Jährigen, wütete der Leberkrebs (Tod im November 1959), so wie es bei dem ebenfalls 37-jährigen Arthur Rimbaud einst der Knochenkrebs war. Das Göttliche ist göttlich über den Wolken, auf Erden ist es nach Kräften grobschlächtig.

Die Götter stahlen Europas Film mit Philipe eine Kultgestalt, wie den Polen ihren Zbigniew Cybulski (»Asche und Diamant«, Regie: Andrzej Wajda). Jenen tragischen Helden mit der Sonnenbrille, der im November 1967, 40-jährig, ums Leben kam, als er in Wroclaw auf einen fahrenden Zug aufspringen wollte. Die Götter sind Exzentriker der Tötungsideen.

Die umschattet Glänzenden der Nachkriegszeit. Gérard Philipe war einer von ihnen (bei Regisseuren wie Christian-Jaque, Ophüls, Clair, Autant-Lara, Bunuel) - heute wäre er 90 Jahre alt. Er leuchtete erstmals auf in »Teufel im Leib« und als Myschkin in »Der Idiot«; er war Fanfan, der Husar, bestach in »Montparnasse 19«, in »Rot und Schwarz«, in der »Kartause von Parma«, im »Großen Manöver«. Der Sohn eines Hoteliers, der zunächst als Arzt in die Kolonien wollte - er wurde im Film zum Engel, der gleichsam süchtig wurde nach Trauerrändern auf gesenkten Flügeln. In »Die Hochmütigen« wurden er und Michèle Morgan zu Frankreichs Filmtraumpaar.

Philipe liebte den russischen Film, er war Präsident der französischen Schauspielergewerkschaft, er inszenierte bei der DEFA »Till Ulenspiegel« (natürlich: mit Gérard Philipe in der Titelrolle). DDR-Kulturminister Johannes R. Becher empfing ihn, Berlins Publikum geriet damals in »Philipemania«, das »Neue Deutschland« hob des Schauspielers Solidarität mit den angeblichen US-amerikanischen Atom-Spionen Julius und Ethel Rosenberg sowie seine Protesthaltung gegen die US-Aggression in Korea und Frankreichs Krieg in Indochina hervor.

Dem geheimnisvollen Samt im Spiel eines Gérard Philipe, der sich allem Schmutz stolz entwand, stand im Osten jene verwundete Selbstbehauptungskraft eben eines Zbigniew Cybulski gegenüber, dessen Gestalten ihre Heldenhaftigkeit oft nur im Blut bitter bezahlter Illusionen beglaubigen konnte. Aber wie auch immer: Es war die Zeit, da romantische Seelen, gesetzt gegen die Vernunftmanie der ideologischen Realisten, noch eine wirkliche Chance auf Wirkung hatten. Heute herrscht Angst vor Schönheit.

Wenn man bedenkt, dass Philipe im berühmten Theater des Jean Vilar einen europaweit sensationellen Prinz von Homburg spielte und ein ähnlich inspiriertes Warschauer Projekt mit Cybulski wegen allzu groß beabsichtigter Nähe zum Todes- und Transzendenzgedanken scheiterte, dann weiß man einmal mehr, was im Osten öfter als erträglich geschah: Wo das Theater anfing, unbedingt zur Emanzipation zu erziehen, dort gibt es seine emanzipatorische Kraft auf, die eben auch in Stärke bei der Tragödie des Scheiterns liegt. Also: so spielen, als sei just die Kunst die Erstgeschlagene, wenn Menschen vom Ende alles Begreifens überrascht werden.

Anne Philipe hat ein berühmtes Buch über ihren Mann geschrieben (»Nur einen Seufzer lang«), eine Schmerzmelodie über das Prinzip der Zeit damals, dem Betroffenen einen unabwendbaren Tod so lange wie möglich zu verheimlichen. In der Illusion, die bittere Wahrheit möge erstarren vorm Anblick dieses ewigen Husars. Die Götter schlugen zu.

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