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Wahlverwandte Kunst

Festival euro-scene fand zum 15. Mal in Leipzig statt

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 3 Min.
Ab 2006 wolle sie wieder mehr junge, innovative, unbekannte Gruppen zur euro-scene nach Leipzig einladen, sagt Festivaldirektorin Ann-Elisabeth Wolff. Das klingt wie eine Entschuldigung, weil der Jubiläumsjahrgang ihres Festivals zeitgenössischen europäischen Theaters viele renommierte Namen aufweist. Aber die 15. Ausgabe einer von finanziellen Engpässen gebeutelten, nur durch breites Sponsoring realisierbaren Zusammenschau internationaler Tendenzen in Tanz und Theater darf gefeiert werden. An sechs Tagen präsentierten sich an acht Auftrittsorten in 25 Vorstellungen 14 Gastspiele aus Ländern von Bulgarien bis Zypern. Neben einem Rahmenprogramm mit Workshop, Film und Podiumsdiskussion flankierte zum bereits siebenten Mal der Wettbewerb um »Das beste deutsche Tanzsolo«, ausgetragen zu später Stunde auf dem riesigen runden Tisch im Foyer des Schauspielhauses, den Veranstaltungsmarathon. »Wahlverwandtschaften« hieß diesmal, mannigfach ausdeutbar, sein klammerndes Motto. Als wahlverwandt könnten etwa der in Wuppertal ansässige Brasilianer Rodolpho Leoni und der in Belgien lebende Italiener Emio Greco gelten: Beide, international erfolgreich und dennoch verschieden, arbeiten daran, die Grenzen der körperlichen Ausdrucksmöglichkeiten im Tanz hinauszuschieben. Vor drei hohen Holzparavents jagt Leoni zu einer Jazzcollage seine exzellenten Interpreten, darunter auch einen Mann, wie Energiegeschosse durch die Weite des Raums, lässt sie um Balance ringen, sich in riskante Anflugkontakte verstricken. Traumwandlerisch sicher steuern sie die Schleuderimpulse ihrer Gliedmaßen, isolieren einzelne Bewegungen. Wie erfinderisch Leonis Raum-Zeit-Recherche ausfällt, wie souverän er Ruhemomente setzt, wie genau er die unterschiedlichen Bewegungsqualitäten seiner Tänzer zu nutzen weiß, vom virtuosen Solo bis zur reptilhaft skurrilen Miniatur, lässt den Zusehgenuss nie abreißen. In »speak« sprechen Körper: explosiv, zärtlich, mit ansteckendem Spaß, dabei ungewohnt musikalisch. Auf ein atmosphärisches Gesamtkunstwerk aus Bewegung, Klanggewölk und Licht zielt Grecos »Conjunto di Nero«. Seine vier vorzüglichen Tänzer und ihn selbst wirft es hinein in den Kampf zwischen Hell und Dunkel, wie minutiöse Beleuchtungsregie ihn durch immer neue Lichträume anheizt. Spots zaubern Dreiecke, in die dunkle Zacken hineinstechen, zeichnen Rechtecke mit lichttoten Kreisen auf den Boden. Kaum fühlen sich die Menschen heimisch, vertreibt Dunkel sie in ein neues Paradies, hetzt sie über Lichtdiagonalen. Die im Dunkeln doppeln wie Spiegelbilder die im Hellen, Berührungen sind selten. Angst, Bedrohung assoziiert auch das wahnwitzige Tempo einer klassischen und modernen Tanz verschweißenden Bewegungssprache. In einem blauen Nebelkäfig überlebt nur Greco die ebenfalls 70 Minuten währende Intensivattacke. Zu den Namhaften zählen gleichsam der Franzose Angelin Preljocaj, der das Festival mit der sanften »Annonciation« und dem gewalttätigen »N« eröffnete, sowie der Brite Nigel Charnock, dessen Solo »fever« um Shakespeare-Sonette kreist. Jo Fabians brillant hintersinnige »Idioten« gehörten zu den deutschen Beiträgen, die Theatertruppe Victoria aus Gent setzte der Mannfrau Charlotte von Mahlsdorf ein Denkmal, das junge Dance Theatre Incluse aus Kaliningrad thematisierte »Deportation«. Grotesk Kitt Johnsons Menschwerdungs-Solo »Rankefod« aus Kopenhagen, dröge ein Tanzstück nach Gombrowicz aus Gdansk, bezaubernd nicht nur für Kinder die Geschichte vom »Kleinen Däumling« als live erzeugtes Hörbuch der Socìetas Raffaello Sanzio aus Cesena.

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