Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Leben und schreiben

Elfriede Brüning besteht energisch auf ihren Erfahrungen

  • Von Christel Berger
  • Lesedauer: 3 Min.
Schreiben oder leben?« - so überschrieb Elfriede Brüning ein Kapitel ihrer 1996 zum ersten Mal erschienenen Autobiografie »Und außerdem war es mein Leben«. In diesem Abschnitt geht es um die bewegte Zeit nach 1945, als sich der Autorin viele neue Möglichkeiten zu leben und zu arbeiten boten. Aber nach einigen Stippvisiten als Redakteurin, nach glücklos endenden Erlebnissen mit Männern, entschließt sich die fast Vierzigjährige zur freiberuflichen Tätigkeit als Schriftstellerin. Immer, so meine ich, hat sie beschrieben, was sie lebte, wenn auch selten direkt autobiografisch. Immer schrieb sie für die vielen »Schwestern im Geiste« (Und auch die lesenden »Brüder«), ihre Texte waren Lebenshilfe für viele. Leben und schreiben - Elfriede Brüning trennte das eine nicht vom anderen, obwohl sie sich auch der Abstriche und Verzichte bewusst wurde, aber auch die machten schließlich das Besondere bei ihr aus. Begonnen hatte es alles ganz anders: Das junge Mädchen, das von »Kleinen Leuten« (ein früher Roman, der sehr viel später erst erschien) abstammte, begann früh zu schreiben. Leicht und witzig, aber auch genau in der Beobachtung waren ihre Texte, die damals große Zeitungen gern druckten. Die Leichtigkeit verging ihr angesichts der politischen Verhältnisse. Ihr soziales Gewissen führte sie zu den Kommunisten und in den Bund proletarisch revolutionärer Schriftsteller. Obwohl sie dort den älteren und bekannteren Schriftstellern mehr zuhörte, als selbst in die Debatte einzugreifen, haben hier diskutierte Prinzipien und vor allem die Bedingtheiten der Zeit ihr weiteres Schaffen geprägt. Soziales Engagement, die Wahrheit des Lebens ihrer Protagonisten, genaue Recherche wurden ihr Markenzeichen. Nach 1945 hielt sie ihre Zeit für gekommen. Sie hatte illegale Arbeit, Gefängnis und den Rückzug in Provinz und Familie erlebt, nun wollte sie wirken! Aber sie war allein, mit Tochter und Mutter, es war nicht leicht, alles unter einen Hut zubringen. Sie schreibt über Antifaschistinnen, die sie bewunderte (»Damit du weiterlebst« 1949). Ein Jahr später folgte schon der Roman »Ein Kind für mich allein«. Das war ein umstrittenes Buch, ging es doch um eine Frau, die für ihr Kind keinen Vater braucht, eben eine Frau wie sie, die die neuen Möglichkeiten für sich nutzen will und dabei auf neue und alte Schwierigkeiten stößt. Das Buch war ein »Renner«: Der Verlag druckte jährlich bis 1960 je eine Nachauflage. Kulturfunktionäre und Kritiker rügten, es sei allzu privat und außerdem war politisch, trotz Männermangels nach dem Krieg, Familie angesagt! So ging es auch mit den folgenden Büchern. Von »Regine Haberkorn«, 1955 erschienen, wurden bis 1974 123 000 Exemplare gedruckt. Wieder mäkelten die Kritiker, aber Elfriede Brüning blieb sich treu, blieb unbequem, blieb an den wirklichen Problemen dran. Sie thematisierte Republikflucht, Frauenemanzipation, Jugendkriminalität. Sie schrieb Reportagen und Porträts und machte keinen Bogen um die dunklen Flecken in der Geschichte des Stalinismus. Im Unterschied zu anderen, auch jüngeren, Kollegen hat sie nach 1990 ihre Sprache nicht verloren. Wieder sieht sie genau hin, wieder nimmt sie sich dem an, was dem Zeitgeist im Wege steht: beispielsweise dem Leben »vergessener« Frauen, die sie »Gefährtinnen« (2004) nennt. Ihre Kraft ist bewundernswert. Mit großer Disziplin bestreitet sie die vielen Lesungen, zu denen sie eingeladen wird. Energisch besteht sie auf ihren Erfahrungen. Umsichtig agiert sie als ungekrönte Königin im Kreis älterer Berliner Schriftstellerinnen. Was für ein Leben, was für ein Werk! Heute wird sie 95! Glückwunsch!

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln