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Wir leben in finsteren Zeiten

»Eisler Meets Tucholsky« - Matinee im Deutschen Theater Berlin

Heiterer Vormittag. Die Sonne glänzt. Gülden die Lettern am Haus. Schwarze Bühne. Darauf schwarze lange Tafel. Drumherum sitzen Schauspielerinnen und Schauspieler, meist in Schwarz gekleidet. Ein Abendmahl am Tag. Zu Ehren Kurt Tucholskys. »Tucho« hat man diesen poetischen Haudegen genannt, während er für sich selbst Pseudonyme wie Theobald Tiger, Peter Panther kreierte. Wie passend. Das Rudel konnte wahrlich schreiben und beißen. Kritisch der Vers, voll Poesie, und meilenweit der Zeit voraus. Wer der Tiger ist? Und lebt er noch? Die Matinee im Deutschen Theater machte das sehr anschaulich. In Eisler/Tucholsky-Stücken wohnt Zukunft. Jeder Einzelne auf der Bühne trug ein Stück vor. Grandios, allein die Vielfalt der Stimmen und Herangehensweisen zu erleben. Schauspieler gehen mit Eisler anders um als Sänger. Ernst Busch kommt ins Spiel. Gabor Biedermann referiert, wie der Sänger und Schauspieler Freund Eisler angestachelt hat, Tucholsky-Lieder zu komponieren. Zumeist ging das in Windeseile. 1930 wie 1959. Wirklich, wir leben in finsteren Zeiten. Das schienen die auf der Bühne dem voll besetzten Saal zuzurufen. Alle Stücke, die kamen (am Klavier begleitete Nikolai Orloff), erschienen wie Stücke von jetzt. Volker Kühn traf die Auswahl und führte Regie. Revue passiert heiter eine alte Zeit, in der die neue hausiert. Das geballt zu erleben, ist lustig und erschreckend zugleich. Voll Anspielungen auf den heutigen koalitionären Politikzirkus das »Lied vom Kompromiß«. Eine Lachnummer. Holger Daemgen, mit viel Beifall bedacht, brachte sie so lakonisch wie hinterhältig. Geradezu hinreißend die Nummer »Das alte Vertiko«. Die Unschuldsstimme der Margit Bendokat wusste noch, als heraus war, dass Sohn Anton in die SPD geht, kein Wässerchen zu trüben. Kathrin Wehlischs »Der Priem«, ein Matrosenlied, geriet beinahe zur Szene. Frech, agil, mal singend, mal schreiend, bestieg die Akteurin Stuhl und Tisch, als sänge und tanze sie in einer Hafenkneipe. Ein Kabinettstück: Katrin Langes »Die Nachfolgerin«. So vital, sprachlich scharf und nuancenreich ist das Lied wohl noch nicht geboten worden. Gisela May, Grande Dame des Vormittags und trotzdem Gleiche unter Gleichen, sang den nachdenklichen Song »Einkäufe«. Ernste Töne schlugen die Ecklieder an. Das Antikriegslied »Der Graben», es stand am Anfang, intonierte Gabo Biedermann eindringlich, indem er es halb sang, halb sprach. Etwas sentimental geriet »Mutterns Hände« mit Udo Kroschwald, ein Lied voll Anmut und Melancholie. Schlusspunkt »Weißensee« mit Maxim Mehmet, ein Gräbergesang der merkwürdigsten Schönheit, gab dem dunklen Ambiente der Veranstaltung, das keineswegs weinerlich-traurig erschien, den letzten Tupfer. Dieser so wunderbar geglückte Reigen verlor etwas durch die nachfolgende Verleihung des Kurt-Tucholsky-Preises postum an Erich Kuby. Zerfahren, trüb die Laudatio von Heinrich Senfft, strapaziös die von Ulrich Matthes vorgetragenen Bandwurmtexte des alten Kuby. Man hätte Besseres bei ihm finden können.

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