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Ein Tabu würde fallen

Zur Debatte um eine kommentierte Ausgabe von Hitlers Hetzschrift »Mein Kampf« - im Schulunterricht

  • Von Ellen Brombacher
  • Lesedauer: 8 Min.

Im Prozess gegen den schließlich freigesprochenen »Jud Süß«-Regisseur Veit Harlan war die Rede von KZ-Wachmannschaften, die - unmittelbar nach Vorführung des Hetzfilms - in die Judenbaracken eilten und mordeten. Wird irgendwann jemand fordern, man möge Schülern den Film zeigen, damit sie sich vorstellen können, was die SS-Bestien stimulierte? Könnte ein Film, der eine ganze Generation verhetzt hat, heute eine primär aufklärende Wirkung haben? Weil in diesem Land jeglicher faschistischer Bodensatz getilgt ist und keinerlei Zufuhr an rechtem »Gedankengut« erfolgt? Wohl kaum.

Durch Filme wie »Der Untergang« oder jüngst »Rommel«, durch ungezählte, nicht nur die Wehrmacht mit Respekt behandelnde Bücher und Landser-Hefte, durch Biografien von Nazi-Größen und mittels der die Fernsehkanäle überschwemmenden Knopp-Doku-Serien hat sich ein Faschismusbild herausgebildet, welches weder nach Interessen fragt, noch die unbeschreibliche Menschenfeindlichkeit und deren Ergebnisse auch nur annähernd verdeutlicht, mit der diese Interessen durchgesetzt wurden.

Die Lektüre von Hitlers »Mein Kampf« träfe auf ein verharmlosendes Faschismus-Bild. Die aber wird neuerdings faktisch verlangt. »Warum ›Mein Kampf‹ freigegeben werden muss« ist in der Novemberausgabe des »Cicero« eine gut bebilderte, 23 Seiten umfassende Artikelserie überschrieben. Am 15. Oktober widmete die Springer-»B.Z.« dem Ausspruch eines Berliner Schuldirektors eine ganze Seite. Der hatte gesagt: »Man muss Hitlers Argumente kontern« und »möchte«, so die »B.Z.«, »das Original« ab der 11. Klasse »im Unterricht benutzen«. Warum eigentlich reichen Textauszüge nicht aus? »B.Z.« kommentiert: »Es klingt erst mal befremdlich: Adolf Hitlers Hetzschrift … in den Händen von Schülern«, doch: »Wie krank Hitlers Gedanken waren, versteht man … am besten, wenn man sie ungefiltert liest.«

Merkwürdig, dass dies zwischen 1925 und 1933 so gar nicht funktionierte. Und danach erst recht nicht. Das Gegenteil war der Fall: Der Wahnsinn wurde Methode und führte geradewegs in die Barbarei. Woher eigentlich kommt die Überzeugung, Hitlers Monstrum könne, würde es nur entsprechend interpretiert, heutzutage aufklärerische Wirkung erzielen, de facto unabhängig vom jeweiligen Kulturniveau der Rezipierenden? Diese Frage bewegt dankenswerterweise auch die Berliner SPD-Schulsenatorin Sandra Scheeres. Sie schlussfolgert: »Das Machwerk darf nicht als Ganzes auf dem Tisch der Schüler landen, sondern höchstens in ausgewählten Textauszügen mit kritischer Kommentierung.« Anders der Bildungsminister aus Mecklenburg-Vorpommern, Matthias Brodkorb (SPD), schlicht im »Cicero«: »… stellen Sie sich nur mal vor, wie langweilig ›Mein Kampf‹ wäre, wenn es in der Schule durchgenommen würde.«

Oberflächliche Betrachtung verfehlt den Sinn der begonnenen Debatte. Formale Logik greift zu kurz: Zum einen sei nicht anzunehmen, dass das über 700 Seiten zählende Monstrum tatsächlich von vielen Schülern im Original gelesen würde. Zum anderen könne dies, wer es möchte, heute schon tun. Im Netz oder über den Kauf in Antiquariaten - ab 100 Euro aufwärts. Zudem liefe das beim Freistaat Bayern liegende Urheberrecht am 31.12.2015 aus. Danach könne jeder das Buch nachdrucken. Wozu also, so einige, die ganze Aufregung?

Aber: Geht es tatsächlich primär um die Frage, ob - wie nun gefordert - Schülern »Mein Kampf« als Ganzes zugänglich gemacht werden sollte, oder - was niemand anficht - lediglich in Auszügen? Wohl eher nicht. Vielmehr werden hier in brutaler Offenheit Themen auf die Tagesordnung gesetzt, die bis dato in der sogenannten Mitte der Gesellschaft nur vorsichtig angedeutet werden konnten. Die Debatte darüber, »Warum ›Mein Kampf‹ freigegeben werden muss«, ist der Türöffner für eine ideologische Kampagne, die dem Geschichtsrevisionismus weiteren Auftrieb verleihen wird.

Die Lektüre des November-»Cicero« lässt da tief blicken. »Die Frage, ob sich das Andenken an die Grauen des Völkermords der Deutschen je ›normalisieren‹ darf«, schreibt Philipp Blom, »ist müßig - es ist längst passiert«. Diese Normalisierung sei keine moralische Frage, sondern eine biologische und in gewisser Hinsicht eine soziale und demografische. Wohlgemerkt: Der doch sehr präzise formulierende Autor fragt nicht, ob sich das Andenken an den Völkermord »normalisiert« hat. »Dank« des Mainstream-Umgangs mit Geschichte in diesem Land ist das tatsächlich zunehmend der Fall. Aber Blom schreibt, es sei müßig, zu fragen, ob es sich »normalisieren« darf. Offenkundig darf es. Es soll sogar! Dies impliziert eine Bewertung, die nichts mehr mit dem Schwur von Buchenwald zu tun hat und auch eher nicht an das Potsdamer Abkommen erinnert.

Doch damit nicht genug. »Weder dieses Buch noch sein Autor«, so Blom, »waren die Ursache der nationalsozialistischen Verbrechen - sie waren nur wichtige Faktoren darin.« Nun erfolgt nicht etwa ein - zumindest winziger - Verweis auf Interessen des deutschen Kapitals. Diese kommen auf 23 Seiten nicht vor. Stattdessen ist, verabsolutiert, von den Deutschen die Rede, die von eigener Schuld ablenken, indem Hitler für alles verantwortlich gemacht wird. »Nicht alle waren Täter, aber keine Diktatur könnte ohne die große Menge der Wegseher und kleinen Profiteure überleben«, schreibt Blom. Soweit, so gut. Doch warum kommen bei ihm die großen Profiteure nicht vor, die es ja wohl, da er von den kleinen Profiteuren redet, gegeben haben muss?

Der Zusammenhang von Faschismus und Kapitalismus soll ein für alle Mal aus dem Bewusstsein getilgt werden. Dieser Manipulationsstrang wird mit einem weiteren verknüpft. »›Mein Kampf‹«, so Blom, »gehört zu uns und zu unserer Geschichte, genauso wie die Hunnenrede Wilhelms II. und - in einem Europa, in dem Nationalstaaten obsolet werden - die anderen Verbrechen der Europäer, die durch die Monopolisierung des Holocaust-Gedenkens oft ausgeblendet werden.« Und an anderer Stelle: »Historische Narrative folgen gegenwärtigen Bedürfnissen. Die Massenmorde der Nazis zu einem stringent erzählbaren ›Holocaust‹ umzudeuten, war eine US-amerikanische Interpretation, die viel mit der Rechtfertigung ihrer Nahostpolitik und der Ablenkung von eigenen Verbrechen (an Native Americans, Afroamerikanern, in Vietnam et cetera) zu tun hatte …«. Es folgen Verweise auf die Gulags, die chinesische Kulturrevolution, den Massenmord in Kambodscha oder auf den Genozid an den Armeniern in der Türkei während des I. Weltkrieges.

Nachdem also der Deutsche als solcher undifferenziert für die faschistische Barbarei in Haftung genommen wird - bei Blom etwa so: »Hitler zu dämonisieren, heißt die Deutschen zu entschuldigen und die Lüge zu perpetuieren, sie seien nur verführt worden …« - wird anschließend abwiegelnd mitgeteilt, dass die anderen letztlich auch nicht besser waren oder sind. Da, folgt man Blom, durch die Enttabuisierung des Hitler-Pamphlets die deutsche Schuld - unter totaler Ausklammerung der Verantwortung des bürgerlichen Systems - endlich auf den Tisch kommt, soll doch wenigstens darauf verwiesen werden, was all die anderen auf dem Kerbholz haben.

Die Weltgeschichte, nicht zuletzt die des vergangenen Jahrhunderts, ist tatsächlich reich an Verbrechen. Doch wenn ich Blom lese, erinnere ich mich der Erzählung meines Vaters. Die Engländer zwangen in ihrer Besatzungszone die Bevölkerung, sich den Dokumentarfilm über die Befreiung Bergen Belsens anzusehen. Mein Vater, der als politischer Häftling die Konzentrationslager Sachsenhausen und Mauthausen überlebt hatte, war in den Film gegangen, um zu erfahren, wie die Leute reagieren würden. »Da haben wir uns ja gegenseitig nichts vorzuwerfen«, sagten viele, auf die anglo-amerikanischen Bombardements anspielend.

Es wäre wohl ein Trugschluss anzunehmen, heute seien derartige Auffassungen nur noch bei ein paar unverbesserlichen Neonazis anzutreffen, gegen die sich in Dresden und andernorts von Staats wegen ungeliebte antifaschistische Blockaden richten. Als wir auf einer Busreise durch Norditalien an einem deutschen Soldatenfriedhof vorbeifuhren, sagte einer der Touristen: »Wir haben für die Italiener den Arsch hingehalten, die uns dann verraten haben.« So etwas ist keine Seltenheit. Zumal der von den Nazis und deren Verbündeten geführte Vernichtungskrieg in den Medien nicht gerade übermäßig gegeißelt wird - richtete er sich doch mit besonderer Brutalität gegen die aus der Oktoberrevolution hervorgegangene Sowjetunion. Alle antisowjetischen Äußerungen, z.B. im Film über Rommel oder in »Der Untergang«, bleiben unreflektiert.

Wer eigentlich würde Hitlers mörderischen Antikommunismus in »Mein Kampf« kommentieren? Würden die Kommentatoren Bezug nehmen auf die Mitscherlichs, in deren Buch »Die Unfähigkeit zu trauern« über die nach 1945 verbliebene Nazi-Ideologie zu lesen ist: »So haben sich … Teilstücke dieses Weltbildes völlig unbehelligt erhalten. Das folgenreichste dürfte der emotionelle Antikommunismus sein. Er ist die offizielle staatsbürgerliche Haltung, und in ihm haben sich ideologische Elemente des Nazismus mit denen des kapitalistischen Westens amalgamiert.«

Es gibt viele Gründe, mit Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, übereinzustimmen, die - bezogen auf »Mein Kampf« - im »Cicero« sagt, jeder, der wolle, könne es leider lesen. »Aber man sollte eine unselige Gedenk- und Erinnerungskultur nicht mit einer offiziellen Ausgabe fördern.« Ergänzt sei: Eines der letzten faktischen Tabus im öffentlichen Umgang mit faschistischer Ideologie würde fallen. Das hätte Symbolwert. Wenn das Monstrum im Original an Schulen behandelt würde, wer wollte dann die NPD oder autonome Fascho-Gruppen daran hindern, entsprechende Diskussionsabende zu veranstalten?

Charlotte Knobloch beabsichtigt eine rechtliche Prüfung der Möglichkeit, die Veröffentlichung von »Mein Kampf« über den Straftatbestand der Volksverhetzung zu verhindern. Es ist zu wünschen, dass sie für ihr Ansinnen breite Unterstützung findet und Erfolg hat.

Ellen Brombacher, geb. 1947, ist Sprecherin der Kommunistischen Plattform in der LINKEN.

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