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Beten mit den Füßen

64 Kilometer ist der Harzer Klosterwanderweg nun lang - er verbindet zwei Bundesländer

Klöster sind Schatzkammern der Geschichte und haben für viele Menschen einen besonderen Reiz. Im Nordharz gibt es einen besonderen Klosterwanderweg, der jetzt auf 64 Kilometer erweitert wurde und Klöster in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt verbindet.

Thomas Balcerowski (CDU), Bürgermeister des Harzstädtchens Thale in Sachsen-Anhalt, freut sich. Nicht nur, dass mit der Verlängerung des Harzer Klosterwanderwegs um 32 Kilometer kulturhistorisch wichtige Plätze über Ländergrenzen hinweg verknüpft werden. Der Wanderweg von Niedersachsen hinein nach Sachsen-Anhalt zeige, »dass Harzer in West und Ost durchaus miteinander können«, spielt er auf den schwelenden Pistenstreit zwischen Braunlage und Schierke an.

Bislang führte der Harzer Klosterwanderweg vom Kloster Grauhof im niedersächsischen Goslar über Wöltingerode und Ilsenburg bis nach Drübeck. Seit Anfang November geht es nunmehr auf insgesamt 64 Kilometern über das kaum noch auffindbare Kloster Himmelpforte Wernigerode sowie Kloster Michaelstein bei Blankenburg weiter bis zum einstigen Kanonissenstift Wendhusen. Das soll um 825 entstanden sein und gilt als einziger noch vorhandener Karolingischer Bau seiner Art in Mittel- und Norddeutschland.

Denis Loeffke, CDU-Bürgermeister in Ilsenburg (Sachsen-Anhalt), rühmt seine guten Erfahrungen mit dem Klosterwanderweg. Er hat mit Ilsenburg und Drübeck die Zuständigkeit gleich für zwei Stätten, Klöster gelten als Keimzellen beider Orte. »Der Weg hat uns nicht nur mehr Klicks auf der Internetseite beschert, sondern auch einen Anstieg der Übernachtungszahlen. Davon werden auch die weiteren Orte an der Route profitieren«, sagt Loeffke. Gerade im Kloster Drübeck habe man nach der Wende den Verfall gestoppt und mit der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland gemeinsam ein Kleinod zum Innehalten, Tagen und Genießen geschaffen. Dagegen müsse es in der Nationalparkgemeinde Ilsenburg »einen Neustart mit Neuorientierung geben. Wir wollen weg vom Hotel-Konzept hin zu einem Museumsberg, auf dem mehr Veranstaltungen angeboten werden«, so Loeffke.

Die Kooperation mit den Harzklub-Zweigvereinen ermöglicht es, den neuen Teil des Klosterwanderwegs gut auszuschildern. Es gibt eine Internetseite für den Klosterwanderweg, eine aktuelle Karte für die gesamte Strecke fehlt noch. »Wandern ist Beten mit den Füßen«, sagt Evelyn Kunz, Leiterin der Tourismus Bodetal GmbH. Nach ihrer Erfahrung, »treibt die Klosterwanderer weniger Religiosität als vielmehr der Wunsch nach Ruhe und Entschleunigung in einer zunehmend hektischer werdenden Zeit«. Kunz hält das gemeinsame Planen von Ost- und Westharzgemeinden für einen Schritt, um »auf dem Klosterweg gegen Kirchturmdenken zu wandern«. So werde das Marketing für den viel begangenen Weg gebündelt, wovon der Tourismus in allen beteiligten Orten profitiere. Heinz A. Behrens, 1. Vorsitzender der Nordharzer Altertumsgesellschaft, und damit quasi Abt im einstigen Kanonissenstift, sieht »einen Wandel der Klöster von geistlichen zu touristischen Einrichtungen«.

So unterschiedlich die Orte, so verschiedenartig auch die Geschichte der Klöster am Klosterwanderweg. Wöltingerode, elf Kilometer vom Startort Goslar entfernt, wurde kurz nach seiner Gründung durch Benediktiner im Jahr 1174 schließlich 1188 von Zisterziensernonnen übernommen, die es zu seiner noch heute gut erhaltenen Größe ausbauten. Nach einer verheerenden Feuersbrunst 1676 mussten die Klostergebäude neu errichtet werden.

Doch das Geld dafür fehlte. Der Propst schickte die Nonnen los, um Finanzen aufzutreiben. Schwester Sophie, spätere Namensgeberin des Kümmels »Berliner Sophie«, trotzte dem Klosterchef dabei für ihre Rückkehr das Versprechen ab, eine Brennerei einrichten zu dürfen. So verließen 1682 die ersten edlen Brände Wöltingerode. 1809 gingen die Nonnen, die Rezepte blieben.

Die Klosteranlage des Benediktinerklosters in Ilsenburg am Kilometer 27 wiederum hat europäische Bedeutung und gehörte seit Gründung im Jahr 1018 zu den angesehensten Klöstern des nördlichen Harzes. Zur Blütezeit im 12. und 13. Jahrhundert lebten und arbeiteten hier bis zu 30 Mönche.

Das Frauenkloster Drübeck - nun genau auf der Mitte des Klosterwanderweges - hat stilvolle Übernachtungsmöglichkeiten neben der Klosterscheune. Es wurde erstmals 960 durch Otto I. urkundlich erwähnt. 1599 brannte es teilweise ab. Nach umfangreichen Sanierungsarbeiten von 1720 bis 1732 errichtete der Graf zu Stolberg-Wernigerode dort ein Damenstift mit bis zu 50 Nonnen.

Im zwölf Kilometer vom Ziel entfernten Kloster Michaelstein legte 1543 der letzte Abt sein Amt nieder. Die Zisterzienserabtei wird heute von der Musikakademie Sachsen-Anhalt genutzt und zieht nicht nur Pilger an. Im Kloster Wendhusen am östlichen Ende des Weges schließlich soll ab 30. Mai 2013 der freigelegte Grundriss der ältesten Stiftskirche - etwa 32 Meter lang und knapp neun Meter breit - als archäologischer Park gezeigt werden.

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