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Hass für den Frieden

Auch in Deutschland kämpfen Syrer gegeneinander und für ihr Land

Seit eineinhalb Jahren teilt der Krieg in Syrien die Menschen in Befürworter und Gegner des Regimes. Auch bei Exil-Syrern nimmt der Hass mit jedem Toten zu. Zwei Demonstrationen am Samstag in Berlin zeigten wieder einmal, dass beide Seiten eigentlich nur eines wollen: Frieden.
Ein Mann schreit verzweifelt. »Wie können diese Hunde?« Seine Stimme überschlägt sich. Zwei Freunde reden beruhigend auf ihn ein. Ein Rentnerpärchen schiebt sich und seine Einkaufstaschen eilig vorbei. »Diese Massenmörder«, setzt er an und bricht, sprachlos und kopfschüttelnd, erneut ab.

Die Szene, für die ihm die Worte fehlen, spielt sich am Samstag vor einem Einkaufszentrum im Berliner Stadtteil Neukölln ab. Etwa 200 Menschen, überwiegend syrischer Herkunft, demonstrieren dort für den syrischen Präsidenten Bashar Al-Assad und gegen den Krieg in ihrem Land. »Salafisten« schreit der mittzwanzigjährige Manaf ins Mikrofon. »Terroristen« antwortet die Menge. 200 Meter entfernt stehen einige wenige dieser Salafisten unter einer Gruppe von circa 100 Gegendemonstranten. »Bashar Al-Assad – Hund der der arabischen Welt«, ruft dort Rami ins Mikrofon. Wie die Demonstranten am Einkaufszentrum wollen auch sie Frieden in Syrien. Doch beide Gruppen würden dafür wohl zumindest aufeinander einprügeln, stünde nicht eine Hundertschaft der Berliner Bereitschaftspolizei zwischen ihnen.

Längst hat der Krieg in Syrien auch die Syrer in Deutschland entzweit: Riefen sie zu Beginn der Unruhen noch gemeinsam in Hamburg, Frankfurt oder Berlin nach Reformen, haben die Schicksale von bis zu 40 000 Toten und zwei Millionen Vertriebenen auch sie radikalisiert: Die sogenannten »Pros« tauschten die syrische Flagge gegen Bilder vom Präsidenten Assad. Bei den »Antis« wehte plötzlich die unter Islamisten beliebte schwarze Flagge mit dem islamischen Glaubensbekenntnis. Nur der bewaffnete Widerstand werde Frieden bringen, sind sie überzeugt. Auf Facebook rufen beide Seiten zu Demonstrationen auf, tauschen Drohungen und Beschimpfungen aus. Jugendliche, die sich nach Familienmitgliedern des Assad-Clans nennen, posten Videos von toten Rebellen: »Salafisten-Missgeburten« schreibt einer darunter. Wenige Klicks entfernt Videos, auf denen Rebellen gefangene Soldaten exekutieren. »Entmilitarisierung jetzt!« kommentiert jemand mit Grinse-Smiley.

Der Hass, der Syrer auf die Straße und auseinander treibt, wird verständlich, wenn man ihre Schicksale kennt: Zwei Brüder der 18-jährigen Schülerin Ranja, so erzählt sie, hatten im syrischen Idlib für Reformen demonstriert. Kämpfer der oppositionellen »Freien Syrischen Armee« erschossen sie, weil sie sich weigerten, ihre Transparente gegen Waffen einzutauschen. Die Familie des 22-jährigen Nidals musste flüchten, nachdem Assads Luftwaffe ihr Haus bombardiert hatte.

»Damit schaden sie nur Syrien«, kritisiert ein syrischer Kameramann die Demonstranten. Selbst die eigentlich Assad-freundliche iranische Botschaft distanzierte sich von den »Pros«, während die »Antis« mit dem Vorwurf des Islamismus zu kämpfen haben. »Das Volk will den Sturz Al-Assads«, skandieren sie. »Das Volk will Bashar Al-Assad« hallt es zurück. Ein Schriftzug findet sich auf beiden Demos: »Genug Tote!«

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