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Im Stande der Gunst

Kino: Alexander Granach

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

Er schrie. Er war auf der Bühne ein Vulkan. Brecht schildert, ein Kronleuchter im Theater habe gewackelt. Sein Sohn erzählt: Wenn sein Vater, Alexander Granach, den Shylock spielte, dann litt man mit dem gesamten jüdischen Volk, aber spielte Werner Krauß den Juden Shakespeares, verließ man das Theater als Antisemit. Gab Granach den Mephisto, dann war der ein »Teufelchen«, spielte Gründgens, war Goethes Teufel »Gestapo«. Aber, so Gad Granach, dieser nunmehr alte, weise, schlauwitzige Jude: »beides gutes Theater!«

»Da geht ein Mensch«, so heißt das berühmte Erinnerungsbuch des 1890 geborenen Schauspielers Alexander Granach, und diesen Titel trägt auch der 105-minütige Film von Angelika Wittlich. Eine dokumentarische Zeitreise. Porträt eines Künstlers, der mit seiner dramatisch aufgeladenen, augenglühenden Kraft, mit einer aus Gedrungenheit sich aufschwingenden Eleganz zu den Großen der spielenden Garde gehörte.

Es gibt ein Foto von Hörspielaufnahmen 1932 in Köln, es zeigt Wolfgang Langhoff (der schon kurz nach Hitlers Machtergreifung in ein KZ gekommen war) und Alexander Granach - der schickte das Bild im April 1938 nach Zürich, mit handschriftlicher Widmung für Langhoffs Frau: »Liebe Renate! Vor vier Jahren haben wird uns den Wolfgang Langhoff wieder erkämpft. Jetzt hast Du dem Wolfgang und uns den Thomas geschenkt. Soll er, Thomas, ein gesundes, kräftiges Symbol sein für die Freiheit und glückliche Zukunft, die wir uns alle wiedererobern wollen! Dein Alex.«

Und nun sitzt Thomas Langhoff, der in diesem Jahr starb, am Fenster seiner Wohnung, unmittelbar gegenüber dem Schauspielhaus am Berliner Gendarmenmarkt, und erzählt in seiner pfiffig-listigen Jungenhaftigkeit von jenen fernen Jahren. Als couragierte, kluge Bürgerliche neben ihrem hochkulturellen Leben eine Existenz als marxistisch und proletarisch befeuerte Utopisten feierten, heiter alternativ - ohne zu ahnen, dass dies morgen schon ins Schicksal von Verfolgung, Verfemung, Vernichtung führen würde. Befürchtung und Ahnungslosigkeit, Klarsicht und Zögern, Gewissheit und Illusion, Misstrauen und Gläubigkeit daran, die Dinge würden sich richten und gut ausgehen - es sind dies die Spannungspole, die den Menschen zu allen Zeiten abwartend, letztlich tatenlos im Zwingrad der Geschichte halten, so lange, bis die trockenen, zitternden, rissigen Lippen stammeln: zu spät. Immer haben es nur Einige schon früh gewusst, immer freilich sind deren Stimmen zu schwach; später erst werden aus Einigen Viele, dann, wenn die Gefahren vorüber sind - die Klugheit wächst mit jenem Abstand zur alten Katastrophe, darin die neue auf ihre Stunde lauert.

Granach, der galizische Bäckersohn, der mit dreizehn von zu Hause geflohen und am Theater in Lemberg zum Seh-Süchtigen und Spiel-Verfallenen geworden war (ein Drang, der nach Berlin zu Max Reinhardt führte) - er wurde einer der wenigen Vorfühler des nazistisch Schrecklichen, er verließ Deutschland beizeiten wieder, spielte in Galizien Theater, ging schließlich in die Sowjetunion, wo eine linke Emigranten-Elite vergeblich darauf hoffte, eine eigenständige Nebenstätte aufrechter deutscher Kultur aufbauen zu können. Im Archivkeller in Kiew blicken wir in die Akte Granach, er: ein angeblicher Spion. Akribische Notizen und Vermerke der gnadenlosen roten Willkürjustiz.

Der Künstler war dem faschistischen Deutschland entflohen, er entflieht auch der stalinistischen Sowjetunion, sein Freund Lion Feuchtwanger setzte sich wohl beim Kreml-Diktator persönlich ein. Granach emigriert in die USA, spielt in New York Theater, filmt dann bei Lang und Lubitsch (»Ninotschka«, mit Greta Garbo) in Hollywood. Der Schauspieler war ein Günstling des Schicksals, und die Gunst seiner Gabe bestand nicht »nur« in seiner darstellerischen Meisterschaft, sondern auch in der Fähigkeit des Schreibens. Seine über 300 Briefe an seine große Liebe, die Schweizer Schauspielerin Lotte Lieven, sind berührende, bannkräftige Zeugnisse einer hohen literarischen Beobachtungs- und Reflexionskraft. »Dein alter Neger!«, so unterschrieb er seine Liebesbriefe, er fühlte sich als Mann aus dem Dschungel, als Wildwüchsiger, der beseelt aus den Ordnungen fiel.

Diese Briefe bilden das Zentrum des Films, der Zeitzeugen zu Wort kommen lässt, Theaterleute, galizische Menschen, Archivare, Historiker, Verwandte, ein Film, der von Ost nach West, aus Lwiw nach Jerusalem, aus der Schweiz nach New York und in den kalifornischen Süden reist. Juliane Köhler ist die Lesende dieser Briefe, Samuel Finzi der Schreibende. Beider Stimmen überschneiden sich mitunter, bilden einen paarischen Chor. Köhler: die melancholisch Sinnende, statuarisch und elegisch ergriffen vom Ton des fernen Geliebten, ganz die hochgewachsene Blonde, von der Granachs Sohn Gad meint, sie sei das Traumfraumodell des osteuropäischen Juden. Und Finzi, dieser wunderbare Schauspieler, liest in seinem fein fremdländischen Akzent, oft schaut er in die Kamera, es ist da dieses schelmische, fragende wie freche Gesicht, das Herztöne sichtbar machen kann; ein leichtfüßiger Überwinder, ein listiger Genießer, ein Held der launischen, liebestollen und leichtlebigen Stunden - in den heiter daherkommenden Nachdenklichkeiten aber doch auch: ein tief klingender Ton von Schwere und Leid.

Vielleicht liegt die Wirkung des Films in der zwar fieberlosen, doch inständigen Erzählung vom Leben, das gerettet wird, aber nicht gänzlich frei sein darf. Aus dem grünen, flachen, staubigen, hühnerhöfischen Galizien, aus dem eine melancholische Literatur ein jüdisches Provinzparadies schuf, das es vielleicht nie gab, gelangt Granach bis nach Hollywood - und er bleibt doch stecken in den Zerrschmerzen der unerfüllten Sehnsucht. Er ist der Weltläufige durch Weltfluchten, er steht für die Gehetztheit des durch Geschichte heimatlos werdenden Menschen - der in einem seiner Briefe von der Privilegiertheit der Prominenten spricht, einem Hitler, Stalin zu entgehen, durch Fürsprache, Geld, durch den Schutz der Aura vielleicht, aber traurig macht ihn das Schicksal der vielen Unbekannten, chancenlos im grausamen Malstrom jener politischer Extremismen, die sich in Todesfeindschaft durchs Jahrhundert peitschten.

»Da geht ein Mensch«. Granach erlebte die Veröffentlichung seiner Memoiren nicht, er starb 1945, auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn in den USA, an einer Blinddarmoperation. Fatal banal. Eben noch, mitten im Heute, schillerte das alte Galizien - da steht der Film plözlich ergebnislos in seiner Suche nach jenem Krankenhaus in New York, wo Granach starb. Von einem Winkel der Welt, der nie aufhört, eine von Joseph Roth erfundene Geschichte zu sein, hin zu einem US-Amerika, das kein Gedächtnis zu haben scheint und an dem sich nichts festhalten lässt.

Achivfotos in diesem Film geraten stets in eine Bewegung, als seien sie auf einen Vorhang, auf eine Gardine projiziert, die sich in sanftestem Wind bewegt. Geschichte lebt, weht uns an. Da geht ein Mensch. Wie klingt das? Als werfe sich ein Berg auf; aber auch, als verfliege ein Hauch ...

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