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Deutscher Atommüll unter freiem Himmel

Sibirische Aktivistin kritisiert Entsorgung von Uranhexafluorid und unsichere Lagerung

Angarsk ist eine von vier russischen Städten, in denen abgereichertes Uran aus der deutschen Urananreicherungsanlage der Firma Urenco im nordrhein-westfälischen Gronau lagert. Die russische Journalistin Swetlana Slobina engagiert sich seit 2006 bei der russischen Anti-Atomkraft-Bewegung. Mit ihr sprach Bernhard Clasen über die Umweltprobleme der Stadt unweit des Baikalsees mit dem deutschen Uranmüll und der russischen Anreicherungsanlage vor Ort.
Deutscher Atommüll unter freiem Himmel

nd: Die Urananreicherungsanlage in Angarsk wird geschlossen. Was wird aus dem dort gelagerten Uran?
Das stimmt so nicht. Am 23. November wurde nur entschieden, 2016 den Teil des Werkes zu schließen, in dem Uran in Hexafluorid umgewandelt wird. In Zukunft soll dieser Prozess in Sewersk stattfinden. Doch die Zentrifugen für die Urananreicherung sollen bleiben. Wirtschaftlich wird es keinen Sinn machen, das Uranhexafluorid von Sewersk nach Angarsk zu transportieren. Schließlich wird ja auch in Sewersk Uran angereichert. Sollte sich die Anreicherung in Angarsk nicht mehr als profitabel erweisen, wird man auch diese schließen, ohne Rücksicht auf die Arbeiter, die dann auf der Straße stehen werden.

Uns Umweltschützer beunruhigt vor allem die Frage, was dann mit dem, z.T. auch aus Deutschland stammenden, Atommüll geschehen wird.

Wie groß ist das Atommülllager in Angarsk? Wie viel russischer Atommüll liegt bereits dort?
Diese Frage stellen wir regelmäßig den Atommanagern. Doch die Antwort ist Schweigen. Das sei ein Geschäftsgeheimnis, heißt es. Wir wissen nicht einmal, wie groß dieses Gelände ist. Unstrittig ist, dass allein Urenco Deutschland zwischen 1996 und 2009 ca. 27 Tausend Tonnen abgereicherten Urans nach Russland geschickt hat. Daneben wurden wir aber auch noch mit Atommüll aus anderen europäischen Ländern beliefert. Wenn man sich überlegt, dass die Atomfabrik hier in unserer Stadt bereits seit 1957 in Betrieb ist, kann man sich ausmalen, wie viel Uranhexafluorid sich in dieser Zeit angesammelt hat.

In welchem Zustand ist dieser Müll?
Das wissen wir nicht. Vor drei Jahren hatte ein ehemaliger Mitarbeiter des Werkes öffentlich gesagt, dass 100 Fässer pro Jahr rostig und rissig würden. Diese Container müssten repariert werden, was auch geschehe. Vor einem Jahr nun hat die Firmenleitung erklärt, man kenne das Problem, habe aber den Müll von alten Fässern in neue Container abgefüllt. Deswegen bestünde nun kein Grund mehr zur Sorge. Es gibt aber keine Möglichkeit, das nachzuprüfen. Trotzdem: Das Material lagert unter freiem Himmel. Und die Lagerung in meiner Heimatstadt dürfte noch um einiges riskanter sein als in Deutschland, haben wir doch riesige Temperaturschwankungen. Und Uranhexafluorid ist nicht nur gefährlich, weil es Uran enthält. Kommt es in Kontakt mit Feuchtigkeit, entsteht hochgiftige Flusssäure.

Was fordert die Umweltbewegung im Gebiet Irkutsk? Soll dieser Müll nach Deutschland zurückgeschickt werden?
Nein, das wollen wir nicht, stellen doch erneute Atomtransporte auch wieder eine Gefahr für die Bevölkerung entlang des Transportweges dar. Wir fordern, dass das Uranhexafluorid in eine andere, stabilere Form umgewandelt wird, die zumindest nicht mehr diese hohe chemische Gefährlichkeit von Uranhexafluorid hat. Von der deutschen Seite erwarte ich, dass sie uns hilft, eine Technik einzusetzen, die die chemischen Eigenschaften dieses Uranhexafluorids weniger gefährlich macht. So würde eine Umwandlung in ein chemisch stabileres Oxid die chemischen Gefahren verringern.

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