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Wunschzettel der Streikenden

Die Beschäftigten des Hamburger Verpackungsherstellers Neupack fordern gerechte Löhne statt Bezahlung »nach Nase«

Die Neupack-Beschäftigten streiken in der siebten Woche. Tarifgespräche scheiterten. Morgen wird in der Hamburger Innenstadt demonstriert.

Im Doerriesweg hängt ein Adventskalender, für jeden Fußgänger zu sehen. An den Sträuchern am Gehweg im Hamburger Stadtteil Stellingen sind Päckchen befestigt, mit denen die Streikenden des Verpackungsherstellers Neupack sich selbst eine kleine Freude bereiten. Zur großen Freude haben sie derzeit keinen Anlass. Ihr Streikzelt trotzt der winterlichen Kälte in der siebten Woche. Auf einem »Wunschzettel« neben den Adventspäckchen ist Tarifvertrag, faire Entlohnung, sicherer Job, Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie Unterstützung im Arbeitskampf zu lesen.

Am Wochenende herrschte bei manchen leise Hoffnung, dass eine Lösung für die 230 Beschäftigten in den Standorten Hamburg und Rotenburg gefunden werden könnte. Doch am Montag wurden die Gespräche zwischen Geschäftsleitung und Gewerkschaft ergebnislos abgebrochen. Neupack bot zwar einen Mindestlohn von 8,50 Euro (derzeit 7,80 Euro) sowie die 38-Stunden-Woche im Schichtbetrieb an, weigerte sich aber, einen Tarifvertrag zu schließen. Der stattdessen angebotene Haustarif mit dem eigenen Betriebsrat sei keine »verlässliche, dauerhafte Regelung«, kritisiert Jan Eulen von der zuständigen Gewerkschaft IG BCE. Auch die Beschäftigten sind skeptisch, denn der Betriebsrat sei über Jahre hinweg entweder ignoriert oder hingehalten worden.

Die Gespräche seien nur gescheitert, weil die IG BCE »nicht dauerhaft Verhandlungspartner von Neupack sein konnte«, kontert Unternehmenssprecher Lars Krüger. Das »starre Lohnsystem« eines Tarifvertrags behindere den Hersteller von Joghurtbechern, »sich in einem immer stärker werdenden Wettbewerbsumfeld zu behaupten«.

Am Dienstagmorgen zwischen Fünf und halb Sechs bahnten Polizei und Sicherheitspersonal den Weg für Leiharbeiter aus Polen, die seit dem Streikbeginn am 1. November eingesprungen und inzwischen befristet eingestellt worden sind. Laut einer streikenden Augenzeugin führte ein Wachmann dabei auch einen Rottweiler ohne Maulkorb mit sich. »Unterstützer wurden von der Polizei weggeschubst«, sagt die seit über 20 Jahren bei Neupack Beschäftigte, die ihren Namen nicht veröffentlicht sehen möchte. Am Mittwoch sind vier Gäste vor Ort, um ihre Solidarität zu zeigen. »Schließlich ist das, was hier passiert, auch für andere Arbeitnehmer wichtig«, erklärt einer von ihnen und fragt, wie Unterstützung möglich sei. »Holz können wir immer sehr gut brauchen«, sagt Kerstin Thode, die als Packerin bei Neupack arbeitet.

»Wir wollen die Firma nicht Pleite machen, sondern gerechte Löhne. Die Kosten steigen allgemein, und viele können ihre Familien nicht mehr ernähren«, sagt Thode. Im beheizten Zelt, das in drei Schichten rund um die Uhr besetzt ist, stärkt sich die Belegschaft mit Kaffee. Zu essen gibt es meistens Suppe, die hält am längsten warm. Draußen steht ein Kastenwagen, an dem die Streikzeitung und aufmunternde Parolen befestigt sind: »Wenn die anderen glauben, man ist am Ende, so muss man erst richtig anfangen.«

»Es ist nicht alles schlecht, aber es wurde immer schlimmer«, erzählt Carmen Crull, seit März 2008 bei Neupack. Andere klagen über eine drastische Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen. Die Entlohnung erfolge im familiengeführten Unternehmen willkürlich, »nach Nase«. Bei zeitweise über 40 Grad in den Produktionshallen seien die Sitzpausen für die Akkordarbeiter eingeschränkt und die Taktzahl erhöht worden. Sogar die Dauer von Toilettenpausen sei festgehalten worden, erzählt eine Streikende. »Wir können nur noch nach außen gehen«, bilanziert Crull, »damit Neupack merkt, dass wir Unterstützer haben.« Am morgigen Freitag wird in der Hamburger Innenstadt eine Demonstration stattfinden, auf der auch der Hamburger DGB-Vorsitzende Uwe Grund sprechen will.

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