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Rechtsruck durch Rechtsrock

Undercover-Journalist Thomas Kuban weiß, wie die Szene tickt - und wie sie zu stoppen wäre

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Thomas Kuban hat jahrelang mit versteckter Kamera und unter Lebensgefahr bei Rechtsrock-Konzerten gefilmt, er arbeitete mit »Spiegel TV«, »Stern TV« und »Panorama« zusammen. In dem Buch »Blut muss fließen – Undercover unter Nazis« berichtet der Enthüllungsjournalist über die neonazistische Jugendkultur in Europa. Sein Fazit: Die rechte Musikszene ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen und stellt eine massive Bedrohung für die Demokratie dar. Olaf Neumann sprach mit Thomas Kuban – dessen Name ein Pseudonym ist.

nd: Herr Kuban, Sie haben zehn Jahre lang bei Rechtsrock-Konzerten verdeckt gefilmt. Lassen sich junge Leute am leichtesten über Party, Musik und Alkohol ködern?
Kuban: Genau das ist jahrelang unterschätzt oder verharmlost worden. Mittels Musik rekrutieren die Neonazis große Teile ihres Nachwuchses. Musik weckt Gefühle, und auf der emotionalen Ebene kann man sehr gut politische Botschaften transportieren. Diese politischen Botschaften sprechen wiederum unmittelbar Gefühle an wie eben Fremdenhass. Das Kameradschaftsgefühl, bei diesen Konzerten gemeinsam das Verbotene zu tun, übt einen ganz besonderen Reiz aus. Man fühlt sich stark, zeigt den Hitlergruß, schreit »Sieg Heil!«, feiert in Liedern den Mord an Juden und Fremden. Das macht die Szene stark. Und wenn sie dann noch an praktisch jedem Wochenende erlebt, wie schwer sich die Polizei tut, ihre Konzerte zu unterbinden, sorgt das für zusätzliches Selbstbewusstsein.

Wie tief steckt die NPD in dieser Konzertszene drin?
Bei NPD-Veranstaltungen spielen oft prominente Rechtsrockbands wie die Lunikoff-Verschwörung um den ehemaligen Landser-Sänger. Die müssen sich dann mit Straftaten zurückhalten, aber auch dort gibt es Hitlergrüße im Publikum. Beim NPD-Sachsenfest 2009 zum Beispiel traten aber nicht nur Rechtsrockbands auf, im hinteren Bereich des Geländes stand noch eine Hüpfburg für Kinder und abends wurde ein Fackelmarsch gemacht. Bei solchen Partei-Festivals wird das ganze Spektrum bedient von der nationalistisch denkenden bürgerlichen Familie bis hin zu den Hardcore-Nazis.

Der ehemalige Landser-Sänger Michael »Lunikoff« Regener wurde 2003 wegen Volksverhetzung und Bildung einer kriminellen Vereinigung zu drei Jahren und vier Monaten Haft verurteilt. Macht ihn gerade das zu einer starken Identifikationsfigur für den rechten Nachwuchs?
Lunikoff hat eine Märtyrerrolle, weil er als einziger von seiner Band zu seiner Einstellung gestanden hat und dafür sogar ins Gefängnis gegangen ist, während die anderen mit Bewährungsstrafen davongekommen sind. In einem Lied seiner neuen Band wünscht er solchen ehemaligen Kameraden den Tod. Seine Knast-Vergangenheit wird ihm in der Szene hoch angerechnet, hinzu kommt sein Talent. Er schafft es, aus Sicht der Szene gewitzte und pointierte Texte zu schreiben. Seine Auftritte haben teils kabarettistischen Charakter.

Steffen Wilfried Hammer, ehemaliger Sänger der Rechtsrockband Noie Werte, ist von Beruf Rechtsanwalt. Eine Ausnahmeerscheinung innerhalb der Szene?
Hammers Juristenkollege Alexander Heinig, der frühere Sänger der rechtsextremen Band Ultima Ratio, wurde sogar Kompagnon in einer Kanzlei, die dem inzwischen verstorbenen ehemaligen Synodalpräsidenten der evangelischen Landeskirche Württemberg, Oswald Seitter, gehörte. Heinig hat diese Kanzlei übernommen, wobei er mit Hammer kooperiert. Und Oliver Hilburger, einer der ehemaligen Gitarristen von Noie Werte, saß bei Daimler für die Christliche Gewerkschaft Metall im Betriebsrat, inzwischen hat er eine eigene Liste geründet. Nachdem der NSU aufgeflogen war, erklärte er als Betriebsrat deutlich seine Solidarität mit den Opfern, was mich positiv überrascht hat.

Noie Werte rückte 2010 ins öffentliche Bewusstsein, weil die Neonazi-Terroristen des NSU zur Untermalung eines Bekennervideos Musik der Band verwendet hatten. Hat sich das NSU-Trio über die Musik radikalisiert?
Das kann ich nicht einschätzen, weil ich dazu keine eigenen Recherchen angestellt habe. Der jetzige Stand der Untersuchungen ist, dass der NSU vom Nazimusiknetzwerk Blood & Honour unterstützt worden sein könnte und bei Konzerten gewisse Treffen stattgefunden haben könnten. Es ist eine Funktion von Konzerten, dass sich Nazikader dort abhörsicher austauschen. Ende 2010 war ich bei einem Nazikonzert in Belgien in einem Clubhaus der Red Devils, einem Unterstützerclub der Hells Angels. Dort sah man Rocker mit Vertretern der verschiedenen internationalen Blood & Honour-Divisionen rumstehen. Und dann musste ich wieder lesen, dass der Verfassungsschutz keine strukturellen Verbindungen zwischen Nazi- und Rocker-Milieu sieht.

Wie hat sich der Rechtsrock in den vergangenen Jahren verändert?
Bei der Neonazimusik sind die Texte tendenziell legaler geworden. Heute gehört es zum Standard, dass sie vor der Veröffentlichung von einem Anwalt geprüft werden, weil man natürlich damit Geld verdienen will. Qualitativ ist das Spektrum größer geworden, es gibt nach wie vor die Schrammelkapellen, aber es gibt inzwischen auch musikalisch hochwertige Gruppen wie Heiliger Krieg, ein Nachfolgeprojekt von Race War. Neben Landser war Race War die einzige Band, deren Mitglieder wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung verurteilt worden sind. Neben dem klassischen Rock Against Communism gibt es den NS-Hatecore, der mit dem Hardcore verwandt ist und etwa von Autonomen Nationalisten bevorzugt gehört wird. In der Naziszene ziemlich umstritten ist hingegen der einschlägige Rap, weil er trotz der politischen Aussagen als »Negermusik« betrachtet wird.

Mit welchen Strategien kann man dem Treiben ein Ende setzen?
Es kommt dabei auf alle gesellschaftlichen Kräfte an: die Bürger, die Politik, die Polizei, die Medien, den Verfassungsschutz. In der hessischen Gemeinde Kirtorf, die lange Zeit ein zentraler Szenetreffpunkt war, habe ich 2004 ein Nazikonzert in einem umgebauten Schweinestall gefilmt. Danach hat das TV-Magazin »Kontraste« darüber berichtet. Infolgedessen hat die Polizei mit großem Engagement ermittelt. Mitglieder einer Band und die Organisatoren sind dann gerichtlich verurteilt worden, das zuständige Ordnungsamt hat weitgehende Veranstaltungsverbote für die Zukunft verhängt. Auch eine Bürgerinitiative hat massiv mobil gemacht. So ist es gelungen, die Rechten sehr deutlich in ihre Schranken zu weisen. Vor allem aber muss eine bessere Sozial- und Wirtschaftspolitik gemacht werden, denn der Lohn vieler Jobs reicht heute nicht mehr, um davon eine Familie zu ernähren. Genau in diese Wunde legt die NPD ihre Finger.

Gucken Polizei und Verfassungsschutz jetzt - nach der Enttarnung der Zwickauer Terrorzelle - genauer hin?
Meine punktuellen Eindrücke bestätigen das nicht. Im Gegenteil: Im September war ich bei einem Neonazikonzert in Baden-Württemberg, dort hat sogar Heiliger Krieg gespielt. Bis dahin hatte ich es für unmöglich gehalten, dass diese Band in Deutschland einen Auftritt riskiert. Im Publikum gab es »Sieg Heil«-Rufe und Hitlergrüße. Das übliche Programm eben. Die Polizei war weder zu sehen, noch hat sie eingegriffen. Bei einem früheren Konzert mit Polizei im Publikum habe ich es sogar erlebt, dass das Licht ausgemacht wurde, damit man nicht sieht, wer den »Polacken-Tango« singt. Bei der diesjährigen BKA-Herbsttagung habe ich angeregt, einen Pool von 20 verdeckten Ermittlern auf Bundesebene ins Leben zu rufen, weil die Szene sogar international vernetzt ist. Diese Ermittler könnten die Straftaten bei den Auftritten der Bands dokumentieren. Auf dieser Basis wäre eine strafrechtliche Verfolgung möglich und es gäbe gleichzeitig Gründe, künftige Konzerte der entsprechenden Gruppen zu verbieten.

Welche Beobachtungen haben Sie in den verschiedenen Bundesländern gemacht?
Das ist wechselhaft und hängt von der Prioritätensetzung des jeweiligen Innenministers ab. In Sachsen-Anhalt scheint die Polizei seit einiger Zeit mit großem Engagement gegen die Szene vorzugehen. Ich war am 11. August 2012 bei einem Konzert von Kategorie C, die vom Verfassungsschutz nicht mal als rechtsextrem eingestuft werden. Aber die Polizei hat es trotzdem beendet, nachdem es Hitlergrüße gegeben hatte. Die Szene ist superfrustriert abgezogen. Würde das jedes Wochenende passieren, wäre die Struktur, in der der rechte Nachwuchs rekrutiert wird, ziemlich schnell zerstört. Angesichts dieser Zusammenhänge, die im Grundsatz auch staatlichen Ermittlern schon seit Jahren bekannt sind, ist es mir unbegreiflich, wieso ich im Bundesverfassungsschutzbericht 2011 nachlesen muss, dass es nach dortiger Zählung rund 130 rechtsextreme Konzerte gab und davon nicht einmal zehn Prozent aufgelöst wurden.

Das Buch:
Thomas Kuban: Blut muss fließen. Undercover unter Nazis. Campus-Verlag, 316 S., 19,99 €.

Der Film:
In der gleichnamigen Dokumentation berichtet der Filmemacher Peter Ohlendorf anhand der Undercover-Arbeit von Thomas Kuban über die neonazistische Jugendkultur in Europa.
Aufführungstermine unter: www.filmfaktum.de

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