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Ein Kaputtsparer namens Brodkorb

Kulturwüste Mecklenburg-Vorpommern?

Das Theater Halberstadt kann mit einer Innovation aufwarten: dem bundesweit mit großem Erfolg betriebenen »heiteren Subventionskürzungsspiel«, wo jeder einmal Intendant eines Theaters sein darf. Sebastian Fust, junger Dramaturg am Hause, hat es entwickelt, und ich habe diese Art Monopoly einmal mit ihm gespielt. Am Ende hatte ich die wenigsten Punkte und eigentlich klar verloren, jedoch war auch mein »Niveaumeter« auf Stufe eins abgesackt, das von Fust stand immer noch auch Stufe fünf. Viel zu hoch! Also hatte er verloren, aber hatte ich gewonnen? Nein, der böse Witz dieses Spiels ist: Es gibt bei ihm nur Verlierer.

In Mecklenburg-Vorpommern spielt man dasselbe Spiel gerade mit echten Theatern. Und der Ausgang scheint ebenso festzustehen: Kahlschlag auf ganzer Linie. Als die Kulturszene in Mecklenburg-Vorpommern im vergangenen Jahr endlich von Minister Henry Tesch (CDU) befreit wurde, atmeten alle auf. Noch weniger Kompetenz geht kaum! Doch, erst seit einem Jahr im Amt als Kultusminister, macht Mathias Brodkorb (SPD) im gleichen Stile weiter. Mehr noch, er ist noch eifriger im Entwerfen von Abbauszenarien - so, als wolle er der erste Politiker hierzulande sein, der das neoliberale Machwerk »Der Kulturinfarkt« in die Praxis umsetzt.

Das für ihn Ärgerliche an der Kultur: Sie kostet Geld. In Mecklenburg-Vorpommern sind es bei einer Einwohnerzahl von 1,6 Millionen genau 22 Euro pro Kopf und Jahr. Ist das viel? Der Minister behauptet es und will es bei dieser Summe bis mindestens 2020 belassen. Bei diesen 36 Millionen Euro pro Jahr steckt der Haushalt in Sachen Kultur fest: seit 1994! Geht man davon aus, dass sich die laufenden Kosten seitdem fast verdoppelt haben, kann man effektiv von einer Halbierung des Kulturetats sprechen, die dann noch als Stabilität verkauft wird.

Nun kann man fragen (und muss das auch immer wieder): Wofür wird das Geld eigentlich ausgegeben? Schriftsteller etwa kriegen, wenn sie aus dem Stipendienalter heraus sind, in der Regel nichts vom Subventionskuchen ab. Sie müssen sich wie Kleinunternehmer am Markt behaupten. Sie brauchen aber zum Arbeiten auch nur ihren Kopf und einen Computer. Opernproduktionen dagegen sind teuer, Theaterinszenierungen ebenso, und ganze Orchester zu unterhalten, bleibt eine gewaltige Aufgabe. Nur das Abwickeln eines Orchesters ist noch teurer, als es zu unterhalten.

Man zähle die Museen, Universitäten und Bibliotheken hinzu: Ein Kultusminister hat eine wichtige Schutzfunktion - er ist der Sachwalter eines Reichtums, der nicht bloß auf irgendwelchen Konten Zinsen abwirft, sondern für alle da sein soll. Die Kultur eines Landes ist ein Spiegel seiner inneren Verfassung!

Brodkorb, so scheint es, sieht das anders. Die Theater liegen an der kurzen Subventionsleine. Wer aufmuckt, hat schon verloren? Im vergangenen Jahr stand das Mecklenburgische Staatstheater vor der Insolvenz. Ein Staatstheater! Ich dachte immer, ein solches kann nur zusammen mit dem Staat pleite gehen. Aber nein, das Theater wurde zuvor in eine GmbH umgewandelt, damit sind Bund und Land aus der Verantwortung.

Schwerin bekam dann einen Kredit, den es kaum wird abzahlen können. Die nächste Insolvenzankündigung ist also nur eine Frage der Zeit. Und dass auch das chronisch unterfinanzierte Rostocker Volkstheater in eine GmbH umgewandelt wurde, ist schon mehr als bloß fahrlässig - es hat in dieser Struktur eigentlich keine Zukunftschancen. Will das jemand? Es scheint fast so. Es gibt andere Theater, die sich in »Zweckverbünden« oder in »Stiftungsmodellen« wiederfinden - auch dort nicht sicher, aber eben nicht so ausgeliefert wie als GmbH.

Kultur ist in Mecklenburg-Vorpommern, wie in fast allen Bundesländern, eine »freiwillige Leistung«, die der Landeshaushalt gleichsam wie einen Gnadenakt erweist. In Sachsen dagegen ist sie eine Pflichtleistung - und siehe, dort geht es der Kultur noch am wenigsten schlecht.

Und in Mecklenburg-Vorpommern? Seit der streitbare und unbeirrt ein hohes Niveau verteidigende Ralf-Peter Schulze, Intendant in Neustrelitz-Neubrandenburg mitsamt Oberspielleiterin Annett Wöhlert, des ewigen Kleinkriegs müde, im vergangenen Jahr einem Ruf nach Freiberg/Döbeln folgte, scheint Neustrelitz/Neubrandenburg am Ende. Aber genau darauf zielte die Politik von Brodkorbs Vorgänger Tesch. Dieser wollte zwei »Kulturkooperationsräume« im Norden, strebte die Fusion von Schwerin mit Rostock, sowie Greifswald/Stralsund/Putbus mit Neustrelitz/Neubrandenburg an. Ein unsinniges bürokratisches Monster - bar jedes künstlerischen Sinns.

Das Konzept schien dann wieder vom Tisch - aber wohl nur, um jetzt den Druck auf die Theater noch mehr zu erhöhen. Statt, wie es seine Aufgabe wäre, selbst eine Vision für die Kulturlandschaft in Mecklenburg-Vorpommern zu entwickeln, gab Brodkorb ein gewiss nicht billiges Gutachten in Auftrag - bei der Münchener Unternehmensberatung Metrum. Diese entwickelte neun Modelle für die Zukunft. Das Resultat ist so, wie vom Auftraggeber gewünscht: Die Theaterleute sehen sich vor der Wahl zwischen Pest und Cholera.

Von vier Orchestern sollen nur zwei übrigbleiben. Die von Tesch geplanten Fusionen der Theater stehen weiter auf der Tagesordnung. Von Neustrelitz bis Putbus ein reisendes Ensemble? Das wäre die Wiederkehr des Wandertheaters, der kompletten Entwurzelung gewachsener Bindungen und damit der erste Schritt in das endgültige Aus für anspruchsvolles Theater, Oper und Konzert. Statt eines geregelten Spielbetriebs (der Tausende von Arbeitsplätzen sichert) möchte das Land lieber großzügig Geld für einmalige Kultur-Events ausgeben. Ein unerhörter Paradigmenwechsel in deutschen Landen, seit Goethe Theaterdirektor war!

Sind 36 Millionen Euro zu viel für die Kultur? In Berlin kosten die Theater pro Jahr rund 250 Millionen Euro, die Staatsoper wird gerade für ungefähr 300 Millionen Euro saniert - und natürlich gibt es harte Verteilungskämpfe zwischen Staatstheatern und freier Szene. Gewiss, ein Strukturwandel ist im Gange, der nicht nur negativ ist, sondern auch Freiräume für Neues schafft. Reform aber setzt voraus, dass es überhaupt noch eine solche Kulturlandschaft gibt.

Nicht zu sehen, dass die Kultur in Mecklenburg-Vorpommern ein entscheidender Wirtschaftsfaktor ist, schädigt die eigenen Landesinteressen. Der kulturpolitische Sprecher der Linksfraktion, Thorsten Koplin, zu Brodkorbs Plänen: »Kulturkannibalismus tritt ein, wenn ein oder zwei Leuchttürme im Land erstrahlen, hingegen deshalb an anderen Standorten die Lichter ausgehen. Gegen die so entstehende Dunkelheit helfen auch noch so große Leuchttürme wenig.« So kann der Irrsinn durchaus real werden, dass Rostock in einigen Jahren einen repräsentativen Theaterneubau haben wird, aber weder ein eigenes Ensemble noch Orchester.

Woher kommt diese Kulturfeindschaft der Politik nicht nur in MV? Sie resultiert wohl auch aus der ständig wachsender Kulturferne der Politik. Es gab Zeiten, da hatten Repräsentanten eines Landes eigene Logen in Theater und Oper, was gewiss nicht nur Vorteile hatte, aber doch deren gesellschaftlichen Stellenwert unterstrich. Gehen Ministerpräsident Sellering und Minister Brodkorb denn in jenes Staatstheater der Landeshauptstadt Schwerin, das unter Christoph Schroth in den 80er Jahren eine der Spitzenbühnen der DDR war? Oder interessiert sie nur noch die (Selbst)Inszenierung?

Es scheint fast so, dass der Politik die permanente Kritik der eigenen Ignoranz auf den Theaterbühnen allzu lästig wurde, man versucht nun, sich dieser auf stillem Wege zu entledigen. Denn es ist keineswegs pure Not, die die Landesregierung zu diesem Kaputtsparen zwingt. Mecklenburg-Vorpommern erwirtschaftete in jüngsten Jahren sogar Steuerüberschüsse.

Gerade haben, um ihr Theater zu retten, die rund 270 noch verbliebenen Mitarbeiter des Volkstheaters Rostock in einem Offenen Brief einen Haustarif angeboten. Damit würden sie in den nächsten fünf Jahren auf 6,2 Millionen Euro verzichten. Das sind zwei Drittel des gegenwärtigen Defizits. Als Gegenzug erwarten sie eine sichere Perspektive als eigenständig arbeitendes Mehrspartenhaus. Das wäre unbedingt im Sinne von Theater und Zuschauern. Aber ist es auch im Sinne von Minister Brodkorb?

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