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Das Gesicht zur Krise

In ihrem Best of 2012 droht die »Distel« lachstark »Wir treten zurück!«

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 4 Min.

Recht haben sie mal wieder mit ihrem Resümee, die Donnerer von der »Distel«: Der Stoff wird ihnen nicht ausgehen und die Zunft daher nicht brotlos sein. Auch in ihrer letzten Premiere 2012, der 131. seit Ensemblegründung, profitieren sie erneut vom Mist im politischen Augiasstall, und der nimmt bekanntlich kaum je ab. Zehn Autoren steuerten teils brillante Texte für die beiden Teile des zweistündigen Abends bei. »Wir treten zurück!« heißt er und meint eher die fußgreiflich zupackende Lesart des Satzes als seine mildere politische Variante.

Obwohl auch in der Ära Merkel, und um die geht es natürlich, reichlich zurückgetreten wurde, vom Minister bis zum Staatsoberhaupt. Da spitzt sich der Kabarettistenstift freudig, kommentiert bissig und macht seine Zuhörer herrlich lachen. Wenn sie, die sechs Spieler, doch aber bloß nicht so recht hätten mit ihren Anwürfen und Aufklärungen! Pralles Buch und putzmuntere Regie verdanken sich »Distel«-Chef Martin Maier-Bode, der krankheitsbedingt bisweilen selbst mit agieren muss. Im Fadenkreuz der Spötter und ihrer musikalischen Begleiter steht das Großereignis 2013: die Bundestagswahl. Da darf man schon mal Bilanz »zum Regierungs-Irrsinn«, dies der Untertitel, ziehen.

Je schlimmer die Krise, desto beliebter bleibt Angela: Sie sei das Gesicht zur Krise, als Ziehkind Kohls oder Rache Honeckers, wird gleich eingangs scharf geschossen. Machtpolitisch mache sie alles richtig: Wem sie ihr »vollstes Vertrauen« ausspreche, der ist bald weg. Das funktionierte selbst bei Sarkozy. Dann reihen sich die süffisanten Frontalangriffe. Die FDP weint, sie habe bald weniger Prozente als fettarme Milch, und fühlt sich frei von Gedanken aller Art. Besonders Philipp »Fips« Rösler mit dem angeblichen Charisma eines Austauschschülers bekommt reichlich Fett weg. Im Bundestagsfußballspiel gegen Kasachstan scheint die deutsche Mannschaft zu verlieren, was den grünen Schiri zu attackierenden Zurufen hinreißt. Den Grünen als einer Vollkorn-FDP kann offenbar nichts schaden, sie werden von allen Parteien als Mehrheitsbeschaffer umgarnt. Auf dem Parteitag der NPD mahnt der Leiter alle V-Leute, ihre Gehaltsabrechnungen zu überprüfen: wegen der Rentenansprüche. Nur einer ist aus reinem Idealismus Vollnazi und fragt nach dem rechten Schlagverhalten. Der naive Tourist aus, sagen wir mal, Paderborn gerät in der Oranienburger an eine Frau mit Penetrationshintergrund, erfährt dort verdutzt von Bahn-ähnlichen Rabatten wie Puffcard oder Mondscheintarif.

Wofür früher drei Stasi-Leute nötig waren, das gibt jetzt jeder freiwillig in Facebook kund. Bleibe nur die spektakuläre Frage, mit wem Angela nach der Wahl weiterregiere. Mit einer Talkshow zur Wahl beginnt auch Teil 2. Rocker Günter von den Grünen gibt bereitwillig Auskunft, wie er schon als Schüler an Stichwahlen beteiligt war, und weiß: Wählen hat, AIDS-mäßig gesehen, keine Folgen. Alte Böcke lieben kurze Röcke, schleudert die Frau im Café heraus, als sie angebaggert werden soll. Welche Krankheit passt zu welcher Pille, fasst die Ärztin die neue Pharma-Logik zusammen und will ihrem Patienten mit Tropfnase lieber eine Trendkrankheit aufschwatzen. Viagra als Saft, das sei es: Da bekomme der Spruch »Ich gehe einen heben« eine völlig andere Bedeutung. Auch deutsche Ausländerfreundlichkeit wird gelobt, man begrüße Gäste an allen Orten mit Handschlag, nur an einigen in wörtlicher Auslegung. Das führt zu sachdienlichen Hinweisen, wie sich Gäste der deutschen Leitkultur anpassen könnten: einer der witzigsten, zugleich sarkastischsten Sketche des Programms. Den Besuch von EU-Kommissionären in der Hölle schließt es noch ein, das Interview mit einer Supermutti dank Betreuungsgeld und die Auswertung einer »Distel«-eigenen Bundestagswahl.

Hat man sich bis dahin schon schlappgelacht, erreicht der launige Abend seinen kabarettistisch bösen Höhepunkt mit zwei Zugaben, die unbedingt erklatscht werden sollten. Nicht weiße Rosen kommen da aus Athen, sondern acht Millionen Euro gehen dorthin, ohne Aussicht auf ein Wiedersehen. Sirtaki tanzt dazu ein ungemein spielfrohes Ensemble, das im Original und in alphabetischer Reihung die Damen Jaeger und Lux, die Herren Doleys, Harter, Müller und Nitzel umfasst. In der besuchten Vorstellung waren Hausherr Maier-Bode und Dorina Pascu eingesprungen, zum Wohl der 50 Prozent Kranken im Ensemble und auch der animiert den gastlichen Ort verlassenden Zuschauer. Soviel vielschichtig funkelnde Häme war jedenfalls selten.

Wieder 20., 25.-31.12., Distel, Friedrichstr. 101, Mitte, Kartentelefon 030/204 07 04, www.distel-berlin.de

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