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Zauberhafte Unordnung

Circus Roncalli zeigt Weihnachtshow »Time is Honey« im Tempodrom

Der diesjährige Titel des Roncalli Weihnachtscircus »Time is Honey« (Zeit ist Honig) ist irreführend. Denn während Honig klebrig, zäh und entsprechend langsam dahinfließt, gleicht die über zweistündige Show der Traditionstruppe um Bernhard Paul im Tempodrom (noch bis 6. Januar) eher einem Sturzbach der circensischen Disziplinen.

Beim Intro allerdings sind noch leichte Anlaufschwierigkeiten zu vermerken. Es mag die Gleichgewichtssinne außerordentlich beanspruchen, auf im Kreis positionierten Bierflaschen zu balancieren, wie es der bei »Wetten Dass« entdeckte Michael Ortmeier in seiner Eröffnungsnummer praktiziert. Da dies aber ohne Dramaturgie geschieht, gerinnt bei der Nummer der Zeitstrom zunächst tatsächlich zum zitierten Honig - auch wenn die exzellente Liveband um Pianist, Arrangeur und Komponist Georg Pommer zur Untermalung eine dramatische Version des Pink-Floyd-Klasssikers »Time« anstimmt.

Was Roncalli aber vor allem auszeichnet und ihn lange Zeit vom Eltern und Elefanten quälenden Manegen-Trash unterschied, ist die inszenierte Unordnung. Und dieses federleichte, aber natürlich mühsam antrainierte Chaos, das großen Anteil an der legendären Roncalli-Poesie hat, setzt auch bei der diesjährigen Show bereits vor Beginn ein. Da weigert sich eine Reinigungskraft hartnäckig, mit ihrem Staubsager das Feld für die Artisten zu räumen. Da holt der »König der Clowns«, der Belgier Jan van Dyke, durch seine so enervierende wie naive Respektlosigkeit ein ums andere Mal die allzu blumige und feierliche Ansprache des Conférenciers auf den staubigen Boden des Zelts am Anhalter Bahnhof zurück. Es ist diese Durchbrechung der altbekannten Zirkus-Illusionen, das genussvolle Zerplatzen mühsam kreierter Seifenblasen, das den Roncalli in seinen besten Momenten über das pure Entertainment erhebt. Zu diesen Momenten zählen natürlich auch die Auftritte des spanischen »weißen Clowns« Gensi - nicht komisch aber von rührender Kindlichkeit.

Die Artisten sind Weltklasse, wie sollte es anders sein. Die Kolumbianer »Los Nablos« wirbeln in und auf einem gigantischen Metallrad halsbrecherisch unter der Kuppel. Ganz geerdet, aber nicht minder rasant, zeigen die »Cedeno Brothers« aus Ecuador Bodenakrobatik. Auch sie beherrschen das Roncalli'sche Prinzip der Brechung perfekt: Für eine besonders knifflige Nummer genehmigen sie sich zunächst extra (?) mehrere vergebliche Anläufe. Doch es gibt auch die leichten Geschmacksverirrungen im Programm. So bewegt sich etwa der Auftritt einer fast nackten Badenixe knapp an der Jugendbeschränkung und wäre mit seinem Las-Vegas-Kitsch beim Cirque du Soleil besser aufgehoben. Tief beeindruckt dagegen mit archaischer Kraftmeierei der ehemalige russische Landesmeister der Gymnastik Vitaly Bobrov. In schweren Tauen gefangen, kämpft er wie ein Matrose auf rauer See mit den Elementen und überwindet in teils lebensgefährlichen Manövern Schwerkraft und gesunden Menschenverstand. Auch optisch erfüllt er perfekt das Bild des »Starken Mannes«, der meist als Seefahrer die Plakate der Anfangstage des fahrenden Volkes zierte.

Die meisten Herzen fliegen aber eindeutig den komischen Nummern zu. Herz der Revue ist denn auch die Rückkehr von Roncalli-Mitbegründer Bernhard Paul in die Manege als Clown Zippo. In einer Neuauflage eines berühmten Sketchs führen Paul und van Dyke vor, dass man den Mund gar nicht zu voll nehmen kann - außer mit Wodka. Der krönende Abschluss blieb zurecht dem Schweizer Claude Criblez vorbehalten. Der mit provozierender Lässigkeit ausgestattete Tüftler erfindet Flugobjekte und lässt etwa riesige Fische oder kopflose Katzen durch den Raum schweben. Auch hier gilt das Roncalli-Prinzip: Der Clou sind bei der Nummer weniger die unleugbar schönen Bilder als die entwaffnende Trotteligkeit, mit der sie gebrochen werden.

Bis 6. Januar, diverse Zeiten, Tempodrom, Möckernstraße 10, 10963 Berlin, Infos: www.roncalli.de

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