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Krieg und Kämpfe klingen mit

Philharmonie in Berlin

Die Abfolge ist bestens disponiert. Zwei russische Eckwerke, ein deutscher Block um die Pause herum. Alle Stücke zieht es magisch zur Dur-Auflösung, sie enden - sehr unterschiedlich - mit einem C-Dur-Akkord. Zwei der gespielten Komponisten haben mittelbar oder direkt mit dem Ersten Weltkrieg zu tun: Skrjabin und Rudi Stephan. Der dritte, Igor Strawinsky, schrieb seine »Psalmensymphonie« zwölf Jahre nach dem Ende dieses Krieges, 1930. In wirren, kampfdurchtobten Zeiten.

Im gleichen Jahr komponierte Hanns Eisler »Die Maßnahme« nach dem revolutionären Lehrstück von Brecht. Die Verschiedenheiten beider Arbeiten können nicht größer sein. Strawinskys Symphonie für Chor (auch Knabenchor) und Orchester (geboten wurde die revidierte Fassung von 1948) geht auf drei Psalmtexte in Lateinisch zurück und adressiert sie so, als würde die Musik ein Reservat abzirkeln, das dem gebeutelten Bürger Ruhe böte vor all dem Ungemach. Dabei boten Philharmoniker und Rundfunkchor Berlin (Einstudierung Kaspars Putnins) eine jede Überschwänglichkeit aussparende Fassung.

Merkwürdig. Zumindest der erste Chor »Exaudi orationem meam, Domine« hat etwas Gemeinsames mit dem 1930er Eisler. Er klingt, sekundiert durch energische orchestrale Skalenbildungen hinauf und hinab, in seiner orgelpunktförmigen Diktion wie maßgebliche Chöre aus der »Maßnahme«. Es lohnte, das einmal zu untersuchen. Werke wie »Oedipus rex«, gleichfalls in lateinischer Sprache komponiert, oder das à-cappella-Werk »Paternoster« von Strawinsky hat Eisler in den 20er Jahren übrigens abgetan als »ideologisch erledigt«. Der Komponist hätte »seine ganze Ursprünglichkeit und musikalische Kraft verloren.« Was natürlich - zeitbedingt - unsinnig ist.

Genauso unsinnig wäre es, den gestrengen Mystizisten Alexander Skrjabin als Kriegsverherrlicher zu erledigen, weil er 1914 diese wahrlich gespenstischen Sätze schrieb: »Der Krieg kann eine Quelle wirklich mystischer Empfindungen und ekstatischer Bewusstseinszustände sein und deshalb ein Weg zu Verwandlung, zur Ekstase. Ein Mystiker muss den Krieg begrüßen.« Diesen erklärlichen Schwachsinn - er teilte ihn mit zahllosen anderen Künstlern - räumt allein und bei Weitem sein bestes Orchesterwerk »Le Poéme de l’extase« aus. Entstehungsbeginn: zehn Jahre vor seinem Tod (durch eine Blutvergiftung), 1905. Gewaltig dieses schillernde, donnernde, in all seinen Dimensionen spektakuläre Opus mit der irrwitzigen, das Trommelfell angreifenden Fermate kurz vor Schluss, ein Stück, weltmusikgeschichtlich sein Rang, das die Philharmoniker unter dem Sausewind und Tänzelgenie Kirill Petrenko, zugehörig den ganz großen Dirigentenbegabungen der Jetztzeit, wohl bisher noch nie so überzeugend musiziert haben wie an diesem Abend.

Jubel auch, nachdem die einsätzige »Musik für Orchester« Rudi Stephans verklungen war. Jenes - wie Franz Marc und viele seinesgleichen - während des Weltkriegs gefallenen Komponisten, der einmal das Format eines Gustav Mahler hätte entwickeln können. Alle Musik war Edelstein, funkelnd und unglatt, an diesem grandiosen Abend.

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