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Kartoffeln empfehlen Knoblauch

Antirassistische Initiativen kritisieren, dass Roma-Kinder in Neukölln Bio-Lauch ziehen sollen

  • Von Robert D. Meyer
  • Lesedauer: 2 Min.

Käme ein Verein auf die Idee, deutschen Jugendlichen ohne berufliche Zukunft den Anbau von Kartoffeln als Jobperspektive anzubieten, wäre die Empörung mit ziemlicher Sicherheit groß. Der Kartoffel liebende Deutsche? Was für ein überholtes Klischee! Die gleiche Idee, nur mit Roma und Knoblauch umgesetzt, wird dagegen als »nachhaltiges ökosoziales Zukunftsprojekt für Roma in Europa« bezeichnet. So zumindest sieht es der österreichische Verein »European-Neighbours« mit Sitz im österreichischen Graz.

Die Initiative will Roma-Kindern den Anbau und Verkauf von Bio-Knoblauch als Ausweg aus der Arbeitslosigkeit näherbringen. Laut Verein bringt der Verkauf von einem Kilo der Knolle bis zu zwölf Euro. Finanziert wird das Projekt mit dem Namen »Bioknoblauch Romanes« mit insgesamt 109 000 Euro aus Fördermitteln der Europäischen Union. In sieben Ländern hat der österreichische Verein bereits rund 30 Partner gefunden, darunter in Belgien, Kroatien, Polen und Deutschland.

Mitte November erreichte die Idee schließlich den Bezirk Neukölln. Roma-Kinder der Schule am Zwickauer Damm, der Hermann-von-Helmholtz-Schule und der Walter-Gropius-Schule pflanzten die ersten Knoblauchzehen auf dem Gelände der August-Heyn-Gartenarbeitsschule. Die zuständigen Bezirksstadträtin Franziska Giffey (SPD) sowie die Europabeauftragte Cordula Simon waren gestern für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Bisher hat das Thema scheinbar weder im Sozialausschuss noch in der Bezirksverordnetenversammlung eine Rolle gespielt, wie Doris Hammer vom Bezirksvorstand der LINKEN Neukölln gegenüber »nd« erklärt. »Ich halte überhaupt nichts von dieser Aktion«, sagte Hammer gestern am Rande einer Protestkundgebung vor dem Neuköllner Rathaus. Viele Roma schätzen die Knoblauch-Initiative als rassistisch ein. »Hier werden eindeutig Klischees und Vorurteile reproduziert«, erklärte Filiz Deminrova von der Zeitschrift »Der Paria«, die sich als Austauschplattform für Roma in Europa sieht und gemeinsam mit dem »Bündnis gegen Rassismus« die Kundgebung organisiert hat. Die 25-jährige Romni wirft den Initiatoren aus Österreich vor, keine Aufklärungsarbeit über die soziale und politische Situation der meisten Roma in osteuropäischen Ländern zu leisten. Dort aber sollen die neu ausgebildeten Bauern ihre Arbeit später verrichten. »Dahinter steckt unserer Ansicht der Plan, die Bewegungsfreiheit von Roma in Europa einzuschränken«, vermutete Deminrova.

Der Anbau von Knoblauch biete keine Perspektive, betonte der Rom Georgel Caldararu. »Soll die Aussage hinter der Initiative bedeuten, dass Roma nicht arbeiten wollen?«, fragte er sich. Stattdessen fordert Caldararu, dass Roma gleichberechtigte Chancen in der Bildung und auf dem Arbeitsmarkt erhalten sollen. Mit einem offenen Brief und einer Unterschriftensammlung wollen die Roma das Projekt »Bioknoblauch Romanes« noch stoppen.

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