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Zwischen Utopie und Nostalgie?

Christian Lannert untersuchte die Geschichtspolitik der Linkspartei

  • Von Jürgen Hofmann
  • Lesedauer: 4 Min.

Erneut hat sich ein Autor aufgemacht, die Haltung der LINKEN zur Geschichte zu enträtseln. Anders als Hubertus Knabe, dem er »missionarischen Eifer« attestiert, tauchte Christian Lannert in das Material von zwei Jahrzehnten ein und lässt es in Text und Anmerkungen immer wieder zu Wort kommen. Mangelnde Quellenkenntnis ist diesem Autor, der mit dem Thema am Historischen Seminar in Heidelberg promovierte, also nicht vorzuwerfen. Zitate und Literaturverweise hält das Buch in Fülle bereit. Doch es ist ein Blick von außen, der sicher dem parteiverbundenen Leser über weite Strecken nicht gefallen wird.

Lannert verweist auf Geschichtsdebatten und Äußerungen, die teilweise bereits wieder in Vergessenheit geraten sind. Um sich der Konfliktlinien des Diskurses innerhalb und außerhalb der Partei zu vergewissern, ist die Lektüre durchaus von Nutzen. Mancher wird vielleicht erstmals mit Auszügen aus den Originalen konfrontiert. Der Autor wird den selbstgesetzten Maßstäben allerdings nur zum Teil gerecht. So entstehen Widersprüche zwischen dem Anspruch, Stellungnahmen aus ihrem Umfeld zu erklären, und der von Zeit und Raum abgehobenen Bewertung. Die Gliederung in Reformer und Orthodoxe genügt dazu nicht. Auch die Übernahme von Wertungen, die Studien der Stiftungen konkurrierender Parteien entlehnt sind, beeinträchtigt verstreut anklingende differenzierte Urteile. Selbst Martin Sabrows maßvolle Vorschläge von 2007 werden mit Stimmen der Bedenkenträger relativiert, da sie »die Forschung in die Nähe der PDS-Thesen« führe.

Ein genereller Mangel zeigt sich darin, dass nicht zwischen offiziellen, von Parteitagsbeschlüssen bestätigten Positionen und Meinungsäußerungen von Einzelpersonen und Gruppierungen unterschieden wird. Auf der Suche nach Zwiespältigkeit und Zerrissenheit geht Systematik und Chronologie verloren. Belege werden gleichwertig, wenn sie nur die kritische Schlussfolgerung stützen. Die Unterscheidung zwischen Beschlusslage und Meinungen dürfte für die Betrachtung von Vergangenheitspolitik aber durchaus von Interesse sein. Wo kämen die anderen Parteien hin, wenn sie für jede Einzelstimme in Haftung genommen würden?

In der Kenntnis der Struktur der Partei ist der Autor ebenfalls nicht sattelfest. Wie kann er sonst die Alternative Enquete-Kommission Deutsche Zeitgeschichte und das Insiderkomitee zur Förderung der kritischen Aneignung der Geschichte des MfS als »parteiinterne Gruppierungen« ausweisen? Diesen Status hatten beide zu keinem Zeitpunkt. Dass er die Gründung der Historischen Kommission irrtümlicherweise auf den 17. Juni 1990 datiert, sei verziehen, da diese Angabe seit Jahren durch Chroniken und Literatur geistert. Die Konstituierung erfolgte in Wirklichkeit am 23. Juni 1990 und war weniger symbolbeladen als oft vermutet. Das Wirken der Historischen Kommission wurde auch nicht durch die Entstehung parteinaher Bildungsvereine »begrenzt«, die angeblich »immer mehr Aufgaben von der HK« übernommen hätten.

Der PDS und der Linken wird vom Autor die Fixierung auf die DDR vorgeworfen. Wer jedoch die zeitgeschichtliche Forschungslandschaft der Bundesrepublik und die Förderkulissen der letzten Jahre Revue passieren lässt, kann die politisch gewünschte Fokussierung auf SED und DDR im akademischen und außerakademischen Bereich nicht übersehen. Die Randständigkeit der Geschichte der Bundesrepublik und solider vergleichender Betrachtungen im öffentlichen Diskurs kann unmöglich der PDS bzw. der LINKEN angelastet werden.

Die PDS und DIE LINKE wollten angeblich »den sehr negativ konnotierten Begriff« des Stalinismus »auf die historische Person Stalins … begrenzen«. Für manche Meinungsäußerung in der langwierigen und emotionsgeladenen Diskussion - der Autor zitiert vorzugsweise die Kommunistische Plattform - mag das zutreffen. Die Orientierung des Außerordentlichen Parteitages der SED/PDS und nachfolgender Beschlüsse zielte jedoch immer auf den »Bruch mit dem Stalinismus als System«. Gerade hier lag ein Schwerpunkt der Diskussion innerhalb der Partei, der in der jüngsten Programmdebatte erneut deutlich akzentuiert wurde. Die Frage nach Errungenschaften der Arbeiterbewegung und positiven Erfahrungen aus dem gescheiterten Sozialismusversuch müssen deshalb keineswegs ein Paradox sein. Wer Geschichte in Widersprüchen denken kann, ist da besser beraten. Der PDS und der LINKEN wird aber Doppelbödigkeit unterstellt. Warum eine sozialistische Orientierung »die Demokratie … und damit auch das Grundgesetz« in Frage stellt, bleibt Spekulation.

Für die Analyse der Antifaschismus-Debatten wird das gängige Klischee von der »ausgebliebene(n) Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit in der DDR« bemüht. Rechtsextremismus im Osten muss aus dieser Sicht vor allem eine Folge der »SED-Diktatur« sein. Überhaupt sind es für Lennert die mangelhafte »Distanzierung von der DDR« und ihre »harsche Kritik an der Wiedervereinigung«, die Zweifel an der Verfassungstreue der Partei rechtfertigen, deren Geschichtspolitik er zwischen Utopie und Nostalgie ansiedelt.

Christian Lannert: »Vorwärts und nicht vergessen«? Die Vergangenheitspolitik der Partei DIE LINKE und ihrer Vorgängerin PDS. Wallstein Verlag, Göttingen 2012. 292 S., br., 29,90 €.

Unser Rezensent, Prof. Dr. Jürgen Hofmann, ist Mitglied des Sprecherrates der Historischen Kommission beim Parteivorstand DIE LINKE.

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