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Rückbesinnung auf alte Lebensweisen

Ökodörfer für Afrika - eine Perspektive für Selbstorganisation und Nachhaltigkeit auf dem Land

  • Von Leila Dregger, Sekem
  • Lesedauer: 4 Min.

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Ökodörfer gibt es in vielen Ländern Afrikas. Im Dezember kamen Vertreter aus 16 Ländern im ägyptischen Sekem zusammen und gaben ihrem bisher losen Netzwerk GEN (Global Ecovillage Network) Africa eine organisatorische Struktur und eine gemeinsame Strategie. In Senegal sind Ökodörfer sogar Teil des Regierungsprogramms.

Wenn Isidore Kikukama von seinen Erfahrungen aus dem Bürgerkrieg im Ost-Kongo berichtet, wird es sehr still im Konferenzsaal von Sekem. Von frühester Jugend an war es sein Ziel, den Urwald in seiner Heimat zu beschützen, diesen Ort einzigartiger biologischer Vielfalt. Er stellte sich damit gegen die Interessen von Konzernen, die dort Gold und Coltan abbauen.

»Sie hatten mich schon lange bedroht, aber ich weigerte mich, meine Arbeit aufzugeben. Schließlich nahmen sie meine Schwester und meinen kleinen Bruder, meinen Schwager und ihre Kinder, sperrten sie in das Haus und zündeten es an. Alle sind lebendig verbrannt.«

Heute leitet Kikukama einen Nationalpark. Auch wenn sich die Lage im Land beruhigt hat, ist das Interesse globaler Konzerne an den Bodenschätzen des Landes ungebrochen, und damit auch die Bedrohung der biologischen Vielfalt sowie der letzten Pygmäenstämme der Region. Sein Lösungsvorschlag deckt sich mit denen der anderen Teilnehmer: Die Dörfer der Region mit Wissen und Autonomie auszustatten, damit die Menschen, die hier leben, den Reichtum ihres Landes selber nutzen und beschützen.

Alle hier kennen die vielen Herausforderungen des Kontinentes: Abholzung, Zerstörung der Wasserkreisläufe, Wüstenbildung, Nahrungsmittelabhängigkeit sowie die krasse Benachteiligung von Frauen und die Zerstörung des sozialen Zusammenhaltes in den Gemeinden. Ökodörfer aufzubauen bedeutet, traditionelles Wissen und moderne ökologische und soziale Techniken so zu verbinden, dass auf der Ebene von Dörfern und Gemeinden Stabilität und Nachhaltigkeit entstehen.

Samuel Nderitu leitet eine Initiative für Nahrungsmittel-Souveränität in Kenia. »Durch jahrzehntelangen chemie-intensiven Obst- oder Schnittblumenanbau für den Export sind die Böden versalzen. Die Kleinbauern haben es immer schwerer zu überleben. Nahrungsmittelsouveränität, das bedeutet unabhängig zu werden von Lieferungen aus dem Ausland, auch von Agrarchemikalien.« Auf den Feldern seines Institutes lernen vor allem Frauen, wie sie in kleinsten Gärten die Vielfalt anbauen, die sie brauchen, um ihre Kinder zu versorgen - ohne Chemie. Nderitu lernte seine Methoden der »Permakultur« und des bio-intensiven Anbaus in den USA. »Doch im Grunde ist das nichts Neues für uns. Wir Afrikaner hatten dieses Wissen bereits, aber es wurde mit den traditionellen Dörfern zerstört, wir müssen uns daran erinnern.«

Ebenfalls in Kenia unterrichtet die Initiative OTEPIC Jugendliche und Frauen darin, Solarkocher zu bauen, um sie unabhängig von Feuerholz und Holzkohle zu machen. Frauen-Empowerment - die Ausbildung von Frauen, ihre gegenseitige Unterstützung auf lokaler Ebene für Nahrungsmittelsicherheit, Leitungskapazität und ökonomische Unabhängigkeit - ist eine zentrale Strategie der Ökodörfer. Denn in Afrika sind es meistens die Frauen, die Landwirtschaft betreiben, für Haus und Kinder verantwortlich sind und den sozialen Zusammenhalt der Gemeinden bilden. Die Männer und Väter sind oft lange weg, zum Studieren oder um Jobs in anderen Regionen zu suchen.

Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern hat sich das Dorf Awra Amba in Äthiopien in die Satzung geschrieben. Fast 1000 christliche und muslimische Familien leben und arbeiten hier seit über zehn Jahren 750 Kilometer von Addis Abeba entfernt in einem selbstverwalteten Dorf zusammen. Ihr höchstes Gesetz ist, neben der nachhaltigen und ökologischen Wirtschaftsweise, die Gleichheit von Frauen und Männern.

Clio Pauly aus Namibia setzt sich sich für die Aufarbeitung von Traumata, für Konfliktlösung in Slums und unter verschiedenen ethnischen Gruppen ein. Daneben bereitet sie ein Filmprojekt über die entstehenden Ökodörfer Afrikas vor.

GEN International ist ein internationales Netzwerk, das seit über zehn Jahren die Gründung und Vernetzung von Ökodörfern unterstützt. Jetzt hat es einen eigenen, unabhängigen Zweig in Afrika. GEN-Präsidentin Kosha Joubert, eine in Schottland lebende Deutsche mit südafrikanischen Wurzeln: »Das Interesse an Ökodörfern hat in den letzten Jahren enorm zugenommen, aber nirgendwo so stark wie in Afrika. Wir erleben sogar den besonderen Fall, dass Regierungen Europas erwägen, die Entscheidung eines afrikanischen Staates nachzuahmen. Senegal hat sein Umweltministerium umbenannt in das Ministerium für Ökodörfer und Nachhaltigkeit und mit dem Umbau von 14 000 Gemeinden in Ökodörfer begonnen. Das ist eine Strategie, die auch für strukturschwache Regionen Deutschlands immer interessanter wird. Das Ökodorf Siebenlinden zum Beispiel ist das einzige wachsende Dorf der ganzen Region.«

Sekem, der Tagungsort 60 Kilometer außerhalb von Kairo, gilt als Modellprojekt für Afrika. Die von Dr. Ibrahim Abouleish gegründete Farm produziert biologische Baumwolle, Milchprodukte und Kinderkleidung, beschäftigt mittlerweile einige 1000 Menschen und betreibt Schulen, eine eigene Universität und eine Klinik. Vor 20 Jahren gab es hier nur Wüste. Und doch fällt Sekem als Modell für Nachhaltigkeit aus. Seine Strategie, seine Oase durch Grundwasserbohrungen zu sichern, ist mittlerweile an eine Grenze gekommen. Durch zu tiefe Bohrungen beginnt das Wasser zu versalzen. Dringend gebraucht werden Erfahrungen für die Bewahrung des Wasserhaushaltes, in Sekem sowie in ganz Afrika. Es ist ein Gebiet, auf dem Ökodorfer in Europa weiterhelfen können. Wissenstransfer an der Basis - so könnte er gleich zu sichtbaren Ergebnissen führen.

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