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Kein »kleiner Roman«

Brigitte Struzyk: »Drachen über der Leninallee«

  • Von Christel Berger
  • Lesedauer: 3 Min.

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Angesichts der Fernsehbilder von überglücklichen Menschen während des Mauerfalls, wie oft habe ich mir gewünscht, deren weitere Schicksale zu erfahren! War das Riesenglück auch in den späteren Alltag eingezogen? Was kam, nachdem die Schreie »Wahnsinn!« verklungen war?

Brigitte Struzyk muss es ähnlich gegangen sein. Ausgangspunkt für ihren Roman ist ein Foto vom 10. November 1989, auf dem drei Menschen den Fall der Mauer bejubeln. Genau zehn Jahre später erscheint das Foto - nunmehr zum »Sinnbild des Mauerfalls« gekrönt - in einem viel gelesenen Magazin. Die Abgebildeten und ihre Verwandten und Freunde sehen das Bild und sind veranlasst, ihr Leben zu bedenken. Die Autorin folgt ihnen. Da ist die Hauptperson Ulla Wasser, Geigerin, die »Ikone des Umbruchs«, wie es heißt. Eine schöne, mutige Frau, 1989 vierzig Jahre alt. 1983 war sie aus der Berliner Staatskapelle entlassen worden. Sie, die Tochter bekannter Genossen und antifaschistischer Widerstandskämpfer, hatte unter anderem rebelliert gegen ein Denkmal für die DDR-Kampfgruppen in ihrem Kiez. Natürlich vergeblich. Ulla musste sich als Platzanweiserin durchschlagen. Die Väter ihrer beiden Kinder waren schon längst westwärts geflüchtet, wohin sie nicht wollte. In ihrer Gruppe von Bürgerrechtlern gab es einen, den sie liebte, wie sie bisher keinen geliebt hatte.

Nach 1990 bekam die Frau den Part der ersten Geige im Orchester. 1999, als das Foto wieder in den Zeitungen gezeigt wurde, trat die Staatskapelle in Wien auf. Ulla wurde gefeiert. Hier begegnete sie auch dem Vater ihrer Tochter, einstmals ein guter Violinist, jetzt Orchesterwart. Er konnte der Erfolgreichen nicht in die Augen schauen. Aber in Wirklichkeit war Ulla müde. Nach Graal-Müritz wollte sie, sich endlich mit dem treffen, den sie geliebt hatte wie keinen. Das Gerücht, dass er ein Verräter gewesen sein soll, hatte sie schon lange erreicht. Kein Gerücht war es, dass ihr Orchester demnächst abgewickelt werden soll. Und plötzlich war auch das Denkmal nicht mehr da, gegen das sie sich gesträubt hatte und das ein Symbol in ihrem Leben geworden war. Verschwunden. Als ob alles umsonst gewesen wäre. Kein Wunder, dass sie zusammenbricht, im Krankenhaus landet.

Das ist kein »kleiner Roman«, wie angekündigt. Zum einen geht es nicht nur um die Geschichte von Ulla Wasser. Das Foto zeigt drei Menschen. Und selbst deren Schicksale reichten Brigitte Struzyk nicht für ihr komplexes Bild von Lebensverhältnissen, die unsere Geschichte ausmachen. Da gibt es noch Lore, die angeblich tote Ehefrau des Geliebten/Verräters, und auch die Kinder und die Eltern spielen eine Rolle.

Manchmal erinnerten mich die beschriebenen Familiengenerationen an Eugen Ruges preisgekröntes Buch, aber Brigitte Struzyk gebührt der Vorzug, die jeweiligen Ambitionen ihrer Protagonisten ernst genommen zu haben. Sie alle wollten in ihrer Zeit etwas für die Gesellschaft bewegen und handelten danach. Alles war und ist komplizierter - der angebliche Verräter hat sein besonderes Schicksal, selbst Ulla war und ist nicht die starke Frau, die sie scheint. Endlich finde ich auch in der Literatur gestaltet, was mich auch in der Realität interessiert: Was aus den Bürgerrechtlern wurde, wie sie waren.

Brigitte Struzyk hat es sich mit ihrem Buch nicht leicht gemacht, und sie macht es dem Leser nicht leicht. Der muss erst einmal verwickelte Familienstrukturen begreifen, auch wird nicht chronologisch erzählt. Manchmal handhabt die Dichterin die Prosa wie Lyrik, manchmal macht sie den Augenblick zur Szene von großer Genauigkeit, baut Sentenzen, Kommentare und Zitate in den Text, damit nichts schnell davonfließt. Aber die Anstrengung der Lektüre lohnt.

Brigitte Struzyk: Drachen über der Leninallee. Schwebend unwirksam. Ein kleiner Roman. Fixpoetry.com. 287 S., br., 19.80 €.

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