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Eine unglaubliche Verkettung von Skandalen

Mumia Abu-Jama - Die Geschichte eines Black Panther und des US-Strafvollzugs

  • Von Birgit Gärtner
  • Lesedauer: 4 Min.

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Der Fall Mumia Abu-Jamal füllt Dutzende von Aktenordnern - zunächst die des FBI, sodann die verschiedener Gerichte. Seine spektakuläre und aufrüttelnde Geschichte wurde mehrfach zwischen zwei Buchdeckel gepresst, vertont und verfilmt. Sein Schicksal bewegt und erregt Millionen Menschen auf der Welt. Nur ein Mensch betrachtet ihn nüchtern: Mumia Abu-Jamal selbst. Das belegt auf sehr sympathische Weise das im vergangenen Jahr von ihm erschienene Buch »We want Freedom« sowie die fast zeitgleich erschienene Monografie »Der Fall Mumia Abu-Jamal« von Kyrylo Tkachenko. Beide Publikationen verstehen sich nicht als schlichte Fortsetzung der Geschichte eines Justizskandals ungeheuren Ausmaßes, sondern als Geschichtsbücher der etwas anderen Art: Sie korrigieren nachhaltig das vorherrschende Bild über die USA als ein »Land der unbegrenzten Möglichkeiten«.

Ehrlich gesagt ging es mir bei der Lektüre von »We want Freedom« wie bei der von Marxens »Kapital« und der »Ästhetik des Widerstands« von Peter Weiss: Erst nach 50 Seiten hat man sich eingelesen. In ihrem Vorwort zum Buch von Mumia Abu-Jamal, schreibt die ehemalige Black-Panther-Aktivistin Kathleen Cleaver: »Er stellt die Black Panther Party in den Zusammenhang des jahrhundertelangen Widerstands gegen Herrschaft und Gewalt, den Schwarze für ein Leben in Freiheit bewiesen haben.« In der Tat überwältigt die Fülle der Informationen, die den nicht-amerikanischen Leserinnen und Lesern komplett neu sein dürften. Die Geschichte der Sklaverei aus Sicht der Betroffenen, mit all ihren Widersprüchen und vor allem den Widerständen und Namen von Widerständigen, ist hier komprimiert auf ein paar Dutzend Seiten.

An den historischen Überblick schließt der Journalist und ehemalige Politaktivist die Schilderung der Gründung und des rasanten Aufstiegs der Black Panther Party (BPP) von einer Ortsgruppe in Oakland zur landesweiten Massenorganisation an. Berichtet wird über die Begeisterung und Einsatzbereitschaft ihrer Mitglieder, wie auch über den ebenso rasanten Zerfall der Organisation.

»Ein Tag im Leben eines Panthers war lang, anstrengend und arbeitsreich«, schreibt Mumia an mehreren Stellen im Buch. »Der Durchschnitts-Panther stand im Morgengrauen auf und kam erst in der Abenddämmerung wieder zur Ruhe. Er - oder sie - erledigte jeden anfallenden Job.« Die BPP geriet sehr schnell ins Visier des FBI und von dessen Direktor Egar J. Hoover, der nicht nur Kommunisten hasste, sondern alles, was in irgend einer Weise nach Emanzipation und Fortschritt »roch«. Allein eine dunkle Hautfarbe war für den FBI-Chef verdächtig, verstärkte seinen Hass. Hoover und sein Gesinnungs-TÜV liefen in Bezug auf die Black Panther mit dem Counter Intelligence Projekt (COINTELPRO) zur Höchstform auf. »Die Welt kennt die Watergate-Affäre«, bemerkte der US-amerikanische Schriftsteller Noam Chomsky im Film »In prison my whole live«. »Aber was ist Watergate im Vergleich zu COINTELPRO?« Eine berechtigte Frage, die Mumia in seinem Buch anschaulich beantwortet und mit zum Teil schier unglaublichen Fakten belegt. Die Lektüre von Mumias Buch, ist faszinierend, spannend, informativ, aufschlussreich, aber eben auch anspruchsvoll.

Ausgehend vom Mumias Fall beleuchtet Tkachenko die Entwicklung des Justiz- und Strafwesens in den USA seit Anfang der 70er Jahre. Er konstatiert, dass seit 1973 die Zahl der Inhaftierten ununterbrochen stieg, sich seitdem mehr als versechsfacht hat, 1973 gab es in den USA 360 000 Gefangene, zu Beginn des 21. Jahrhunderts saßen schon mehr als zwei Millionen US-Amerikaner ein. Unterdessen sind es laut dem Autor knapp 2,5 Millionen, die in über 500 Haftanstalten interniert sind. Die Unterhaltung der überbelegten Gefängnisse und Zuchthäuser verschlang im Jahr 2008 bereit 75 Milliarden Dollar; auch die Ausgaben sind weiter angestiegen. Unter den Gefangenen befinden sich überproportional Menschen afrikanischer oder lateinamerikanischer Herkunft; mehr als zwei Drittel aller Inhaftierten haben »schwarze oder braune Gesichter«, schreibt der Heidelberger Autor Michael Schiffmann im Vorwort zu Tkachenkos Buch. Dessen großes Verdienst sei, so Schiffmann, deutlich zu machen, wie die soziale Agenda des Neoliberalismus und die Politik des »strafenden Staates« sowie offener Rassismus eng miteinander verbunden sind.

Mumia Abu Jamal: We want Freedom. Ein Leben in der Black Panther Party. Unrast Verlag, Münster 2012. 328 S, br., 18 €.

Kyrylo Tkachenko: Der Fall Mumia Abu-Jamal: Rassismus, strafender Staat und die US-Gefängnisindustrie. Unrast Verlag, Münster 2012. 240 S, br., 14 €.

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