Wer geistig ausbricht

Egon Erwin Kisch, Max Bair aus Südtirol - und kluge Anmerkungen zu beiden

Seine Bücher sind antiquarisch leicht zu bekommen, aber der Aufbau Verlag, in dem sein Gesamtwerk erschienen ist, führt ihn nicht mehr im Autorenregister. Fast hat es den Anschein, als würde der nach ihm benannte Journalistenpreis für bedeutsamer erachtet als er selbst. Lebte er noch, würde man ihn wohl nur im Osten des vereinten Deutschlands auf der Straße erkennen. In seiner Geburtsstadt Prag immerhin wird die Büste auf seinem Grabmal alle paar Monate gestohlen. In Frankreich und Mexiko, wo er vor den Nazis Zuflucht fand und - wie in jedem Land, in dem er sich umsah - auf Entdeckungen aus war, hat man ihn vergessen. In Spanien ist er unbekannt, trotz des dort erwachten Interesses an deutschsprachigen Autoren aus den Nachfolgestaaten der Donaumonarchie. Der Schweizer Historiker und Schriftsteller Niklaus Meienberg hat ihn als Vorbild genannt, und in Österreich Florian Klenk, Enthüllungsjournalist und Chefredakteur der Wochenzeitung »Falter«. Ihre Wertschätzung ehrt sie und ihn. Das unpassende Prädikat, das man ihm zu Lebzeiten verliehen hat, ist vielen geläufiger als sein Name. Der rasende Reporter. Egonek. Schreib das auf, Kisch!

Aufgeschrieben hat er auch die Geschichte des Tiroler Kleinbauern Max Bair, und wie er nach Spanien gelangt ist. Sie hat die publizistische Nachwelt beinahe ebenso oft beschäftigt wie Kischs umfangreiche Reportage über Oberst Alfred Redl, der 1913 Selbstmord beging, nachdem er als russischer Spion enttarnt worden war. Der österreichische Generalstab hatte die Affäre geheim gehalten, Kisch machte sie publik. Sein Buch lieferte den Stoff für fünf Filme und ein Theaterstück. Dagegen haben »Die drei Kühe« nie den Weg ins Kino oder auf die Bühne gefunden. Aber nachgeborene Kollegen des Autors - nicht immer solche, die sein literarisches Vermögen und seine politische Haltung teilten - haben über Jahrzehnte diese Geschichte fort-, dabei gelegentlich auch voneinander abgeschrieben, indem sie den weiteren Lebensweg des Protagonisten schilderten, der unter dem Namen Martin Jäger vor zwölf Jahren in Berlin verstorben ist.

In seiner Heimatgemeinde Steinach am Brenner hatte Max Bair im Juni 1937 drei Kühe verkauft. Mit dem Erlös konnten sich er und seine mittellosen Gesinnungsgenossen Johann Winkler, Ludwig Geir und Stefan Zlatinger Fahrkarten nach Paris kaufen, um von dort nach Spanien aufzubrechen, in den Bürgerkrieg, in dem sie auf Seiten der Republik kämpften. Ungewöhnlich an dieser Episode ist zweierlei: dass gerade ein im katholisch-konservativen Milieu aufgewachsener Landwirt den Entschluss fasst, der vom Klerus angefeindeten spanischen Republik zu Hilfe zu eilen; und dass er sich die Reise dorthin durch Verzicht auf seinen Viehbestand finanziert. Kein Wunder also, dass Kisch, der während eines Besuchs beim Österreicher-Bataillon der XI. Internationalen Brigade auf Bair aufmerksam wurde, dessen Geschichte aufgeschrieben hat, gehört sie doch zu jenen, »in denen Heldentum nicht aus physischer Überlegenheit, sondern am Grad der intellektuellen Entwicklung gemessen wird, den die Figuren in Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt zu erreichen imstande sind«.

Das schreibt der junge Südtiroler Historiker Joachim Gatterer im Nachwort zu der von ihm besorgten Neuausgabe der »Drei Kühe«, mit der die Illustrationen des katalanischen Plakatmalers Amado Oliver Mauprivez für die 1938 in Madrid erschienene Erstveröffentlichung endlich wieder zugänglich werden. Sein Aufsatz und die angeschlossenen Dokumente - amtliche Schreiben, Zeitungsartikel, Briefe sowie ein von Bair/Jäger später verfasster Lebenslauf - sind viel umfangreicher als die dreißig Seiten schmale Erzählung.

Mehr noch als Detailfreude und editorische Verlässlichkeit bestechen Gatterers Einsichten. Etwa bezüglich Kischs Verzicht darauf, Bairs Verhalten zu kommentieren: »Menschen gänzlich erklären zu wollen, hieße, ihnen ihren Charme zu nehmen, sie zu domestizieren. Es hieße nicht, sie kennenzulernen.« Bedenkenswert ist auch Gatterers Begründung, warum Kisch nicht, wie geplant, einen ganzen Zyklus von Texten aus dem Spanischen Bürgerkrieg schrieb. Kisch sei durch »die allerorts spürbare Euphorie« in seinem Schreiben nicht beflügelt, sondern gelähmt worden. »Wer geistig ausbricht, kann physisch nicht mehr zurückkehren, ohne seine alte Welt zu verändern oder ideellen Bankrott zu erklären.« Auch dieser Satz findet sich bei Gatterer. Eine Lebensweisheit, gelassen ausgesprochen, aber nicht kühn ersonnen: Er belegt sie anhand der wechselvollen Biografie Max Bairs, der Tiroler Boden nach 1947 nur noch selten betreten hat und seit 1950 in der DDR lebte. Was ihm nach der Begegnung mit Egon Erwin Kisch alles widerfahren und gelungen ist, kann man bei Gatterer nachlesen.

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