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Eine Bastille muss her!

Im Ballhaus Naunynstraße fragt »Telemachos - Should I stay or should I go?«

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 4 Min.

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Freie Theater sind, ihr Vorzug, nicht an Jahre zuvor erstellte Spielpläne gebunden und können daher aktueller auf Zeitprobleme reagieren. Eines von ihnen ist das Ballhaus Naunynstraße, seit 2008 engagierter Verhandlungsort migrantischer Themen. Diesmal geht es, nicht mehr neu und noch immer auf den Nägeln brennend, um Griechenlands Finanzdesaster. Dies lässt sich, beweisen die Autoren und zugleich Regisseure Anestis Azas und Prodromos Tsinikoris, verblüffend mit den Mythen des Landes verknüpfen. Besonders dem von Odysseus, seinen Irrfahrten und der endlichen Wendung, dass er, heimgekehrt, die Freier der Gattin Penelope vom Hof vertreibt.

Irrfahrten nehmen auch heutige Griechen auf sich, so auf irgendeinem Weg nach Deutschland, ins gelobte Land Europas, wo sich die Auswirkungen der Krise in Grenzen halten. Gehen oder bleiben, ist sich auch Prodromos nicht mehr sicher, schlüpft für das Stück in die Rolle des Odysseus-Sohnes, holt Landsleute und Leidensgenossen mit auf die Bühne und entwickelt mit ihnen ein dokumentarisches Spiel. »Telemachos - Should I stay or should I go?« stellt die uralte Frage, ob man Problemen durch Flucht ins Fremde entgehen, ihnen ausweichen kann.

Eine Festtafel steht im Zentrum der Szene, darunter das Mosaik, wie Stier Zeus Europa entführt. Mit Telemachos' Klage, was die Freier im Vater-Haus anrichten, beginnt homeresk der Abend, kippt sofort ins Heute: Prodromos stellt sich anhand von Familienfotos vor. Als Gastarbeitersohn kam er in Wuppertal zur Welt, studierte in Thessaloniki an der Theaterfakultät, arbeitete in Berlin, wo er seit zwei Jahren als Opfer der Krise lebt und nun nicht weiß, ob er zurück soll. Die Götter, die den antiken Helden rieten, funktionieren nicht mehr, deshalb konsultiert er die Gäste der Gesprächsrunde.

Und auch die haben ihr Schicksal. Christos kam 1962 abenteuerlich nach München, führte Kneipen in Bruchsal, Berlin, Chalkidiki, die durch Wende und Jugoslawien-Krieg pleitegingen. Eine Herz-OP führte ihn zurück nach Berlin. Während die anderen Gäste diskutieren, kocht er. Zum Beispiel auch für Despina, studierte Psychologin und Schauspielerin, mit vier Fremdsprachen, Musik- und Ballettausbildung, die seit 2012 in Berlin Putze ist, weil Besseres sich nicht bietet. Und für Sofia aus Korinth, gelernte Sozialarbeiterin und links orientiert, die 1970 vor dem Junta-Regime nach Stuttgart floh, 1989 von Athen nach Berlin ging, dort Grünen-Abgeordnete war, zurücktrat, als ihre Parteispitze den Jugoslawien-Einsatz befürwortete.

Schlimmer noch traf es Kostis, Schauspieler und diplomierter Chemiker aus Athen, mehrfach schon Gast in Deutschland. Auch er steht erstmals auf einer Berliner Bühne, hat viel zu erzählen. Vom Vater, der 1999 beim Börsenskandal sein Geld verlor, es mit immer neuen Krediten und 24 Kreditkarten wettzumachen suchte, bis der Schwindel aufflog, die Söhne den Schaden zurückzahlen mussten, schon eine halbe Million, bei Verlust allen Eigentums, weil die Banken fahrlässig stets neue Kredite bewilligt hatten. Inzwischen ein Fall fürs Gericht. Und Musiker Giannis büßte den Job ein, kämpfte sich als DJ durch und auch bei der Müllabfuhr, wurde wieder entlassen, kam 2012, verschreckt vom Suizid eines Kollegen, mit bitterem Lächeln nach Berlin.

Wie sie immer zwischendrin des Odysseus‘ Geschichte hören, vom Verlust der Kameraden durch Kirke, die Fahrt durch Scylla und Charybdis, geraten sie ins Debattieren. Über die eigenen Kämpfe in letzter Zeit. Die Teilnahme an den Demos auf dem Syntagma-Platz als Utopie gelebter Demokratie, weil im Tränengashagel der Polizei erstickt und ohne Aussicht auf Anhörung durch die Regierung.

Nicht mitreden kann dabei Knut, als Schauspieler aus Gelsenkirchen einziger Deutscher der Runde, hier die Minorität. Dafür verordnete ihm die Regie Nachdenken über die »Dialektik der Aufklärung«, Adorno/Horkheimers Exkurs anhand der Story des Odysseus. Dabei gelingen ihm bemerkenswerte Einsichten: Weshalb ducken sich heute alle, wie es einst der listige Grieche tat, statt Scylla und Charybdis zu töten, scheinbare Naturgewalten wie die Krise grundlegend anzupacken. Eine Bastille muss her!

Im finalen Streit prallen die Meinungen aufeinander: über die Deutschen, die im Krieg plünderten und bis jetzt keine Reparationen geleistet haben, über Griechen, die sich geschickt aus den Steuern lavieren und weitere Tricks finden. Über allem blitzt so viel hellenisches Schelmentum auf, dass man selbst in der Tragik der Krise noch lachen kann. Etwa über den bärtigen Christos, der sich in Deutschland wohlfühlt, weil er schließlich überall fremd ist, und der weiß, wie man daheim für 160 Euro unter die Erde kommt: zerschnitten in drei Teile wie ein Hund.

Wieder 26.-29.1., 20 Uhr, Ballhaus Naunynstraße, Naunynstr. 27, Kreuzberg, Kartentelefon 754 537 25

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