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Kuba: Wiege der Stadtgärten

Ein Großteil der frischen Lebensmittel auf der Karibikinsel kommt aus urbaner Landwirtschaft

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In Alamar, der größten Trabantenstadt von Havanna, befindet sich einer der ältesten Stadtgärten Kubas (Foto oben). In der rund elf Hektar großen Anlage werden nicht nur Lebensmittel produziert, sondern auch Saatgut gezogen. Ein Erfolgsrezept, das auch außerhalb der Insel Schule machte.

Miguel Angel Salcines trinkt ein Glas frischen Mangosaft, nimmt eine Serviette, putzt sich den Mund ab und deutet auf den Obstgarten gegenüber. »Dort wachsen unsere Mangos. Sie werden alle rein biologisch produziert«, erklärt der Vorsitzende des »Vivero Alamar«. Vivero oder Huerto werden die Stadtgärten in Havanna genannt. Der von Alamar ist eingefasst von mächtigen Plattenbauten. »Die verhindern unsere Ausbreitung. Die Nachfrage, mehr zu produzieren, ist da«, sagt Salcines. Auf derzeit elf Hektar Fläche ziehen 175 Männer und Frauen Obst, Gemüse, Setzlinge und Salat. Die frische Ware, nach ökologischen Kriterien angebaut, wird am Verkaufsstand gleich neben dem Eingang zum Vivero angeboten und für viele Nachbarn ist die Stadtfarm die erste Adresse für den täglichen Einkauf.

Sorgenkind Agrarsektor

Ohne die Unterstützung durch die Deutsche Welthungerhilfe wäre die Farm jedoch nicht auf die Füße gekommen. Saatgut, Werkzeug und Arbeitsmaterialien sind bis heute für Salcines schwer zu bekommen. »Es ist eine echte Herausforderung, vor der wir in Kuba stehen. Denn ohne die nötige Infrastruktur wird es schwer, mehr Dynamik in der Landwirtschaft zu erzeugen«, erklärt Salcines. Die Infrastruktur ist seit Jahren das größte Problem der kubanischen Wirtschaft. Es wird zu wenig produziert und alle Reformen verpuffen ohne große Wirkung.

Die Stadtgärten, das Aushängeschild der urbanen Landwirtschaft kubanischer Prägung, sind dabei eine wohltuende Ausnahme. Viele produzieren, ob in Alamar oder nahe dem internationalen Flughafen in Boyeros, Lebensmittel en gros und sorgen auf lokaler Ebene für ein breites Angebot.

Ihre Gründung geht auf den Beginn der 1990er Jahre zurück. Kubas Wirtschaft stand damals vor dem Nichts, denn wie Dominosteine fielen die ehemaligen sozialistischen Bruderstaaten in sich zusammen - auch die Sowjetunion, der wichtigste Lieferant von Lebensmitteln und Rohwaren. Plötzlich stand die Regierung in Havanna vor dem Problem, wie sie genug Lebensmittel für die Versorgung der Bevölkerung beschaffen sollte. So kam die Idee, Lebensmittel direkt dort zu produzieren, wo sie konsumiert werden: in den Städten, auf Freiflächen in Nachbarschaft der Bewohner. Diese Variante hatte noch einen zweiten positiven Effekt: das Einsparen von Diesel und Benzin. An Treibstoff für Transporte fehlte es damals an allen Ecken und Enden. Bis heute ist Treibstoff auf der Insel alles andere als üppig vorhanden. Da erscheint es sinnvoll, möglichst viel lokal zu produzieren. In Alamar klappt das ausgesprochen gut.

Hinter dem gut sortierten Verkaufsstand stehen einige Genossen auf den penibel bestellten Feldern und ernten Salatköpfe. Per Schubkarre wird die frische Ware wenig später zum Verkaufsstand gekarrt und feilgeboten. Sehr zielstrebig gehen die Compañeiros ihren Aufgaben nach. Pflanzkästen, Keramiktöpfe und Werkzeuge stehen sauber gestapelt an ihrem Platz. Salcines registriert aufmerksam die ungläubigen Blicke. »Auch eine sozialistische Genossenschaft kann durchaus produktiv arbeiten«, flachst der 63-Jährige. 1994 hat er mit vier Kollegen aus dem Agrarministerium die Kooperative auf einem halben Hektar Brachland gegründet, heute ackern knapp 180 Genossen, davon viele im Rentenalter, auf der Fläche.

Die Idee breitet sich aus

Bräunlich rot leuchtet der nährstoffreiche Humus auf den Feldern. Ab fünf Uhr morgens sind dort die Genossen auf den Beinen. Für Eliosito Mesa und seine Kollegen kein Problem, denn im Stadtgarten von Alamar wird gut bezahlt. 1000 Peso, umgerechnet etwa 35 Euro, verdient der 75-jährige Mesa im Monat. Etwas weniger als das dreifache des kubanischen Durchschnittslohns. »Deutlich mehr als ich brauche, denn Frühstück und Mittagessen gibt es hier für alle kostenfrei«, sagt der rüstige Rentner lachend. Und wer besonders viel und effektiv arbeitet, kann in Alamar mit satten Zuschlägen rechnen. Entsprechend hoch ist die Motivation und entspannt das Arbeitsklima in der stetig wachsenden Genossenschaft. Mehrere Hektar zusätzliche Fläche hat Salcines bereits im Blick, an neuen Kollegen herrscht kein Mangel, so der umsichtige Agrartechniker. Er setzt wie andere Kooperativen auch voll und ganz auf Bio, zählt zu den Pionieren des Ökolandbaus in Kuba und hat sein Wissen auch schon an Stadtgärtner in Venezuela weitergegeben.

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