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Denklust

Robert Menasse erhält im März den Heinrich-Mann-Preis der Akademie der Künste Berlin

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 2 Min.

Das Anklangsbedürfnis: »Der Europäische Landbote«. So heißt das jüngste Essaybuch von Robert Menasse - Büchners »Hessischer Landbote« schimmert hervor. Der Ton macht die Verwandtschaft; des Autors Thema: »Die Wut der Bürger und der Friede Europas oder Warum die geschenkte Demokratie einer erkämpften weichen muss.«

Menasse erhält just dafür den Heinrich-Mann-Preis für Essayistik: Er verfügt über den gefährlichen Witz des Dialektikers, der keiner Wahrheit gestattet, sich auf sich selber auszuruhen. Er ist ein literarischer Philosoph der Absagen an Dozentur und Doktrin. Es käme darauf an, die Welt zu verändern? Es ist schon viel, wenn man etwas findet, das den eigenen, von Erfahrung »stummen Lebensfilm vernünftig untertitelt«.

Der Autor des Suhrkamp Verlages (dessen Vater in der Fußballnationalmannschaft spielte) wurde 1954 in Wien geboren, studierte Germanistik, Philosophie sowie Politikwissenschaft. Er lehrte mehrere Jahre in São Paulo, lebt nunmehr in Wien, im österreichischen Waldviertel und in Amsterdam. Auch in seiner Prosa (Romane »Die Vertreibung aus der Hölle«, »Don Juan de la Mancha«) bleibt der Lebensstaunende ein hochprozentig erregbarer Pamphletist. »Mein Selbstgefühl habe ich sicherlich aus der Verachtung bezogen, die ich für all die empfand, in deren Leben immer alles so verlief, dass ihnen stets die richtige Antwort, aber nie eine Frage einfiel.«

Kritische Intelligenz hält er für eine Tautologie. Denken schließt ein, vor den eigenen Gedanken eine gewisse Furcht zu haben: Sie entführen nämlich den Denkenden, und es könnten sich, wenn die Expedition erfolgreich ist, unwirtliche Zusammenhänge auftun, Risse im betonierten Weltbild, gemäß Brecht: Man sieht das Dunkel, aber gemach, es könnte das Licht sein. Menasse ist überzeugt, »dass eine unklare Formulierung, wenn sie eine Denkanstrengung ausdrückt, präziser ist als eine präzise Formulierung, die gedankenlos möglich ist«. Diesen Schriftsteller zu lesen, das erquickt, wie einzig nur ein lehrsam böses Erwachen erfrischen kann.

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