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Kaskaden auf engem Raum

Das Deutsche Fernsehballett feierte 50-jähriges Bestehen im Friedrichstadtpalast

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 4 Min.

Und die Show geht weiter. Sehr wahrscheinlich jedenfalls. Denn wer die 50 erst einmal auf dem Buckel hat, verfügt auch über genügend Erfahrung. Zumal wenn man so frisch ausschaut wie die Tänzerinnen und Tänzer vom Deutschen Fernsehballett mit ihrem derzeitigen Altersdurchschnitt von 24,3 Jahren. Hunderte vor ihnen haben in dieser Gruppe seit der Gründung 1962 getanzt, ihr Profil gegeben, sie geprägt und stetig die künstlerische Messlatte höher gelegt. Was Günter Jätzlau einst mit nur acht Unentwegten begründete und zur Marke von übernationaler Geltung entwickelte, führten Emöke Pöstenyi und Ferenc Salmayer nach ihm mit ungarischem Durchsetzungsvermögen weiter. Über die Fährnisse der Wendezeit hinweg, als die Auflösung des Relikts aus DDR-Zeiten drohte. Der MDR sprang in die Bresche, rettete die Erfolgstruppe und machte sie zur gesamtdeutschen Compagnie mit internationalem Flair, denn international war sie da schon besetzt. Und das westdeutsche Konkurrenz-Fernsehballett hatte längst seinen Geist aufgegeben. Wieder ist für das Deutsche Fernsehballett eine neue Ära angebrochen: MDR und GmbH der Gruppe verkauften das Label an den Berliner Fernsehproduzenten und Medienmanager Peter Wolf. Er, der Carmen Nebel und Vicky Leandros vertritt und zudem das Deutsche Showballett besitzt, will die rund 30 Tänzer zählende Truppe für den Weltmarkt fit machen und auf große Tour schicken. Erst einmal aber befindet sie sich weiter auf ihrer heimischen Jubiläumstournee.

Hat ein Fernsehballett eher umrahmende und garnierende Funktion inmitten der illustren Künstler einer großen Show, ob live oder über den Sender, steht im Programm »Eine Legende feiert Geburtstag« das Ballett selbst im Zentrum. Die besten Choreografien aus letzter Zeit, und in dem halben Jahrhundert des Bestehens sollen rund 3000 aus verschiedenster Hand entstanden sein, wurden dafür zu einem Zwei-Stunden-Programm gefügt, in dem die sprichwörtliche Vielseitigkeit der Truppe Trumpf ist. Vom Tonband führt gewohnt charmant Carmen Nebel durch den Abend, schafft die Verbindungen und den Tänzern Umzugspausen, stellt, besonders erfreulich, die Solisten vor: Alexandra Post aus Zwickau, Mirela Kamenova aus Bulgarien, Katarina Petrovicova, Filip Veres aus der Slowakei sowie Carsten Rietschel aus Meißen, 20 Jahre bei der Compagnie, damit Dienstältester und wichtiger Teil ihres Gesichts.

Mit ausgelassenem Tanz zu »Celebration« beginnt und endet die Show. Dazwischen zieht das Fernsehballett alle Register einer kurzweiligen Unterhaltung. Sie reicht von Gruppenchoreografien zu Songs aus James-Bond-Filmen über intime Balladen in kleiner Besetzung bis zu »Euphoria«, dem Gewinnertitel des diesjährigen Eurovision Song Contest. Eine reichlich akrobatische Clownerie in Bademoden der Vergangenheit gehört ebenso zum umfangreichen Repertoire wie die rein sinfonische Form zur Streichersuite in modernem Arrangement. Viele Choreografien brauchen freilich nicht die volle Bühne im Friedrichstadt-Palast: Sie sind auf die Belange der Kamera zugeschnitten, mit Tanz eher auf engem Raum, raschen Auftritten und Abgängen. Das aber mindert nicht die Freude an den perfekt funktionierenden Körpern, den langen Beinen der Frauen, den artistisch virtuosen Männer mit Salto-Kaskaden und Breakdance-Elementen.

Da jedoch überzeugt die Truppe am meisten, wo sie sich in den Dienst einer choreografisch-musikalischen Idee stellt. So ist das musicalhafte »All that Jazz« eine solche Glanznummer. An die fächerumschmeichelten Auftritte einer Zizi Jeanmaire im Casino de Paris erinnert »Viva Las Vegas«; das Duett »What a wonderful world« feiert auch Louis Armstrong; dem Pas de deux zu Bachs »Air« verleihen blaue Stoffschals zusätzlichen Fluss. Doch das Deutsche Fernsehballett kann auch anders. Sein Cancan als Pausenfinale reißt ebenso mit wie der Ausflug in den Irish Tap Dance, ein Kosakenbild mit Tiefschritten der Männer, ein moderner Csárdás, die getanzte Reverenz an »Music«. Selbst Bollywood vor der Projektion von Tadj Mahal und mit dem typisch piepsigen Gesang lässt grüßen; und im Tango rivalisieren zwei Männer um eine Frau. Einer Kurzversion von Ravels »Boléro« fügt sich gegen Schluss eine »Zeitreise« an, als Reminiszenz an das, was tänzerische Haute Couture war: Wiener Walzer, Charleston, Fred Astaires Step-Träume, Rock ‘n‘ Roll und Disco, Michael Jacksons Moonwalk, Techno und Hip Hop. Da hat auch die gute Laune im Saal ihren Höhepunkt erreicht. Nicht nur die Promis von Maxie Arland bis Wolfgang Ziegler, die über die Leinwand grüßen, wünschen den Tanzmatadoren vom Deutschen Fernsehballett alles Gute für eine lange Zukunft!

Nächste Termine: 29.1. Chemnitz, 30.1. Magdeburg; Weiteres in Vorbereitung

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