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Intelligente Fallen und Verführungen

Andrej Bitow: Sein Roman »Der Symmetrielehrer« ist eine mehr als doppelbödige Lektüre

  • Von Karlheinz Kasper
  • Lesedauer: 4 Min.

Geboren 1937 in einer Leningrader Intellektuellenfamilie, fühlt Andrej Bitow sich zeitlebens als »Petersburger Schriftsteller«. Schon während des Geologiestudiums schreibt er Texte, die ihm Strafdienst im Baubataillon einbringen. Sein erster Prosaband »Der große Luftballon« (1963) wird wegen der frischen Erzählweise und der sympathischen Darstellung kleiner Leute von den Lesern begeistert aufgenommen, wegen des Fehlens positiver Helden aber von der Parteipresse gerügt. Das wiederholt sich bei jedem weiteren Werk. Bitow ändert seine Schreibweise. In den Erzählungen, die er zu dem gemeinsam mit Wassili Axjonow, Viktor Jerofejew und anderen initiierten Almanach »Metropol« (1979, USA) beisteuert, verstärkt er die Elemente der Verfremdung. Im Roman »Das Puschkinhaus« (1978, USA) dominieren Doppelgänger und Mystifikationen. Bitow wird zu einem der markantesten Vertreter der »anderen« Literatur. Bis 1985 dürfen seine Werke in der UdSSR nicht mehr erscheinen.

1987 stößt der Leser im Aprilheft der Zeitschrift »Junost« auf Bruchstücke aus dem »Symmetrielehrer«. Bitow erklärt im Vorwort, er habe den 1937 in London gedruckten Roman »The Teacher of Symmetry« eines gewissen A. Tired-Boffin (»Müden Forschers«) auf einer geologischen Expedition nacherzählt, ohne Sprache und Sinn gänzlich verstanden zu haben, später das unauffindbare Buch »im Geiste« wiedergelesen und ins Russische übertragen. 2008 kommt der komplette Roman in Moskau heraus. Die kongeniale deutsche Fassung verdanken wir der erfahrenen, auf Bitows eigenwilligen Stil seit langem eingespielten Übersetzerin Rosemarie Tietze.

Vorsprüche zu dem kryptischen Text verweisen auf Laurence Sternes »Tristram Shandy«, Jan Potockis »Die Handschrift von Saragossa« und Thornton Wilders »Die Brücke von San Luis Rey«, drei Romane von weltliterarischem Rang, die durch den Verzicht auf eine stringente Handlungsführung das moderne Erzählen stark beeinflusst haben. Bitows Vorwort sagt, dass es schwer falle, der Versuchung zu widerstehen, fremde Texte zu zitieren. Damit ist der Leser gewarnt, sich auf eine mehr als doppelbödige Lektüre einzustellen, in der es von intelligenten Fallen und Verführungen nur so wimmelt. Die Komposition wirkt auf den ersten Blick chaotisch, lässt weder einen geordneten Zeitablauf noch eine Logik der Handlung erkennen. Alle Kapitel weisen neben der Überschrift einen englischen Untertitel auf und zwingen den Leser vom ersten Satz an zu intensiver Gedankenarbeit. In »O - Zahl oder Buchstabe (Freud's Family Doctor)« begegnen sich in einem amerikanischen Städtchen ein Psychiater und ein »feinsinniger Idiot«, der mit der Frage »O - Zahl oder Buchstabe?« die Logik des Doktors aufhebt, »denn O, wenn es eine Null ist, und O, wenn es ein Buchstabe ist, sind natürlich verschiedene Dinge«.

Ein Merkmal des Romans ist das Verwirrspiel mit den Instanzen des Autors und des Erzählers und deren wiederholter Identitätswechsel. Ein namenloses Ich präsentiert einen »unerkannten Autor der dreißiger Jahre« - den Briten »polnisch-holländisch-japanischer Herkunft« Urbino Vanoski, der seltsame Romane schreibt und seine »Verse aus dem Kaffeesatz« mit Ris Vokonabi zeichnet. Jedes Kapitel offeriert Skurriles und Absurdes. In »Am Ende eines Satzes (The Talking Ear)« führen Vanoski und ein Sibirier namens Anton eine Debatte darüber, warum es in Russland nur »Weite« und »Schicksale«, aber »keine Sujets« gebe. Anton prägt den nachdenkenswerten Satz: »Wenn das Gefängnis der Versuch des Menschen ist, den Raum durch die Zeit zu ersetzen, so ist Russland der Versuch Gottes, die Zeit durch den Raum zu ersetzen.« Krampfhaft versucht Vanoski, aus dem Leben eines russischen Erfinders, der eine Mondrakete bauen, eine Theorie der Universalen Symmetrie und ein Sprechendes Ohr schaffen will, gegen Antons Bedenken eine sujethafte Story zu fabrizieren.

Neben dem Russlandthema stehen Schreibprobleme im Zentrum des Romans, der gleichnishaft ein Schriftstellerleben vorführt. Vanoskis Text »Die posthumen Papiere des Tristram-Klubs (The Inevitability of the Unwritten)« liest sich wie eine Parodie auf den »Metropol«-Skandal von 1979. Das Kapitel über das Doppelleben eines »Encyclopedia Britannica«-Redakteurs lässt sich als Hommage an Vladimir Nabokov entschlüsseln. Wie bunte Früchte auf einer Streuobstwiese breiten sich überall im Roman Reflexionen aus - über den Zusammenhang von Text und Leben, die Funktion von Bild und Metapher, die schwierige Annäherung der Kunst an die Wahrheit, Zensur und Schaffensfreiheit, die Kraft der Sprache und die Symmetrie als Spiegelung des Einen im Anderen.

Damit offenbart sich das Buch nicht nur als Pastiche auf eine vergangene Epoche, sondern auch als Schlüsselroman über Bitows Schriftstellerleben. Sicher ist es der reale Autor, der »den Leuten drüben« klarmacht, die »sogenannte russische Sujetlosigkeit« sei am ehesten der Tatsache geschuldet, dass die besten Schriftsteller seines Landes »in der Sprache und nicht im Sujet« leben. Derjenige Ausländer, der sich »einzulesen« versteht, würde in der großen russischen Literatur durchaus »Sujets des Gedankens« (Puschkin), »Sujets der Phantasie« (Gogol) und »Sujets des Gefühls« (Tschechow) finden.

Andrej Bitow: Der Symmetrielehrer. Roman. Aus dem Russischen von Rosemarie Tietze. Suhrkamp Verlag. 334 S., geb., 26,95 €.

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