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Niedriglohnsektor Start-up

Regierender Bürgermeister Wowereit sonnt sich im Glanz zweifelhafter Jungunternehmer

  • Von Robert D. Meyer
  • Lesedauer: 3 Min.

Klaus Wowereit (SPD) steht umringt von einer Schar von Journalisten gestern Vormittag in den Lagerhallen des Unternehmens »ReBuy« in Neukölln. Die Runde blickt auf das Regal einer bekannten schwedischen Möbelhauskette. Geschäftsführer Marcus Börner erzählt stolz, wie der steile Aufstieg des An- und Verkaufshops vor neun Jahren in einer Kreuzberger Wohngemeinschaft mit genau diesem Stück lackierter Pressspannplatte als erstem Lager begann. Inzwischen ist aus dem Wohnzimmerprojekt ein mittelständisches Onlineunternehmen mit 350 Mitarbeitern und einer eineinhalb Fußballfelder großen Logistikzentrale geworden. Die Firmenidee ist simpel, Chef Börner spricht viel von einer »nachhaltigen Idee« und den Expansionsplänen der Firma.

Berlins Regierender Bürgermeister hört geduldig zu. Wowereit bemüht sich nach der wochenlangen Debatte um das BER-Desaster um einige positive Schlagzeilen. Firmen wie »ReBuy« liefern ihm die Erfolgsgeschichten junger Berliner Unternehmen, die in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden der »Gründerhauptstadt« schossen. Vier dieser Firmen stattete Wowereit gestern in der Hoffnung einen Besuch ab, etwas vom glänzenden Erfolg der jungen Start-ups möge auch auf den zuletzt Glücklosen abstrahlen.

Immerhin bekommt der Regierende Bürgermeister einige erfolgversprechende Ideen zu sehen. Darunter das Softwareunternehmen »wooga«, dessen Spiele inzwischen 50 Millionen Menschen weltweit begeistern oder die die aus Friedrichshain stammende Online-Nachhilfe-Plattform »Sofatutor«. Wowereit betont mehrfach, wie begeistert er von den vorgestellten Geschäftsideen ist.

Sein Interesse in Gesprächen mit Mitarbeitern mag ehrlich sein, doch allzu kritische Fragen, was Löhne und Mitarbeiterrechte in den Firmen der Jungunternehmer angeht, stellt der Sozialdemokrat nicht. Kein Geschäftsführer redet offen über Gehälter. »ReBuy«-Geschäftsführer Börner spricht von »Mindestlöhnen« und dass seine Firma jedem eine Chance gibt. Ein sozial orientierter Arbeitgeber, wie ihn sich Wowereit als Aushängeschild wünscht. Doch ehemalige Mitarbeiter sprechen gegenüber »nd« von Missständen bei ihrem Ex-Arbeitgeber.

So verdienten die so genannten Picker, die im Hochlager die Waren für die Kunden heraussuchen, noch mindestens bis letztes Jahr Bruttolöhne zwischen sechs und sieben Euro in der Stunde. In höheren Positionen zahlte das Unternehmen Bruttolöhne zwischen acht und etwa neun Euro. Arbeiten wie das Heraussuchen der Waren werden häufig von Aushilfskräften auf 400-Euro-Basis erledigt.

Einige Mitarbeiter sollen sogar Zuschüsse vom Jobcenter bekommen haben. Zwar gibt es ein leistungsorientiertes Prämiensystem, doch dieses sei nach Ansicht eines früheren Mitarbeiters »auf Dauer nicht zu schaffen«. Bei den Pickern werde beispielsweise bis auf jedes einzelne Produkt genau erfasst, wie viel ein Angestellter am Tag leistet.

Einen Betriebsrat gibt es im Unternehmen bisher nicht. Einen solchen aufzubauen, ist aus Sicht ehemaliger Mitarbeiter kaum möglich, da die Kollegen in einigen Bereichen häufig wechselten. Stattdessen könnten die Beschäftigen Verbesserungsvorschläge an eine Tafel schreiben.

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