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Kein Ort für Romantiker

Debatte: »Leben im Kibbuz - eine Utopie?«

Irgendwann vielleicht wird man die Geschichte des Sozialismus vom Ende her erzählen - also nicht vom Ende des Sozialismus her, sondern auf den Zeitpunkt bezogen, als sich die Wirklichkeit seiner bemächtigte. Dann werden innere Anstrengungsunterwerfung und äußere Mühsal sich ins Heitere auflösen. Der »neue Mensch« wird dann einer sein, der sich freiwillig in die Notwendigkeit des Kollektivs gefügt haben wird und dies ehrlichen Gewissens als gelebte Freiheit empfindet.

Noch aber ist es nicht so weit. Die Diskussionsrunde am Mittwochabend im »nd«-Gebäude in Berlin aber zeigte, dass es diese Utopie schon als Experiment gab: nicht im »real existierenden Sozialismus«, aber immerhin in der Wüste. Genauer: im israelischen Kibbuz. Vor über 100 Jahren wurden in Palästina die ersten Kibbuzim mit einer sozialistisch-kollektivistischen Lebensform gegründet. Zur Veranstaltung eingeladen hatten das »nd« und die Rosa-Luxemburg-Stiftung. Moderiert von der »nd«-Geschichtsredakteurin Karlen Vesper diskutierten Danny Wieler (Jg. 1944), der 1966 aus der Schweiz nach Israel kam und dort bis heute in einem Kibbuz lebt; Walter Rothschild (Jg. 1954), Engländer von Geburt, als Rabbiner u. a. in Berlin, München, Halle, Köln und Schleswig-Holstein tätig; sowie Heinrich Fink (Jg. 1935), Spross einer bessarabischen pietistischen Bauernfamilie, evangelischer Theologieprofessor und von 1990 bis 1992 Rektor der Berliner Humboldt-Universität.

Für die Anfangsjahre: Im Kibbuz teilte man sich alles, auch die Unterwäsche. Was für die heute Lebenden bizarr anmutet, hätten, so Danny Wieler, die Kibbuz-Pioniere mit ernsthaftem Eifer und Überzeugung betrieben. Geschichte, so Wieler, müsse aus dem Zeitgeist der jeweiligen Epoche heraus begriffen werden. Die Kollektivierung der Unterwäsche gehörte daher ebenso zum Gemeinschaftsleben im Kibbuz wie die gemeinsame Kindererziehung und das gemeinsame Mittagessen. Für den, der sich auf die strengen Regeln, das unbedingte Teilen, die teilweise Aufgabe von Individualität einlassen könne, sei das ein Gewinn. »Im Kibbuz lebe ich mit Menschen zusammen, die ich aufgrund meiner bürgerlichen Herkunft sonst nie kennengelernt hätte; das schützt vor Überheblichkeit.«

Heinrich Fink kam da ins Schwärmen. Anfang der 1990er Jahre besuchte er erstmals einen Kibbuz in Israel und hat diesen als eine Art »kleine DDR« erlebt. Hier habe sich jeder um jeden gekümmert, seien Alte und Kinder nicht als Last der Gesellschaft empfunden worden. Der Kibbuz als Hort sozialistischer Romantik? Nein, sagt da Danny Wieler. »Der Kibbuz ist nichts für Romantiker. Die Idee, dass jeder gibt, so viel er kann und nimmt, so viel er braucht, sei der Grundgedanke des Sozialismus. »Das klappt aber nur, wenn alle ungefähr das Gleiche haben und davon nicht viel.« Das Zwangskollektiv war nicht nur Ideologie, sondern Notwendigkeit, um das Überleben zu sichern, da Ressourcen wie Nahrung, Kleidung, Wohnungen knapp waren. Der Verzicht geschah aber auch deshalb freiwillig, weil er mit der großen Idee verknüpft war, in Palästina eine Heimstatt für Juden zu schaffen, betonte Wieler.

Bei Gründung des Staates Israel lebten rund acht Prozent der Bevölkerung in einem Kibbuz, heute sind es weniger als zwei Prozent. Und viele der Kibbuzim sind mittlerweile privatisiert, entrückt vom solidarischen Anspruch der Teilhabe aller. Für Walter Rothschild ist diese Entwicklung keine Überraschung. Der Kibbuz sei eine »wunderbare Idee«, allein: »Sie funktioniert nicht. Wer wenig hat, teilt leicht, wer mehr hat, teilt nur noch unter Zwang.«

Vielleicht ist Zwang aber nur eine andere Umschreibung für Freiheit, wenn nur mittels Unterwerfung unter ihn einem anderen Zwang entflogen werden kann? Wer waren die Kibbuznik der ersten Stunde? Nicht Arbeiter, Kleinbürger, sondern die Kinder des Bürgertums, wie Wieler erzählte. Zugespitzt formuliert, könnte man sie die ersten Zivilisationsflüchtlinge nennen. Aber eben auch Freiheitssucher, Ausbrecher aus der Bürgerhölle. Die ersten Zuwanderer in die neugegründeten Kibbuzim vor rund 100 Jahren stammten aus orthodoxen jüdischen Familien, so Wieler, und seien von ihren Familien für diesen Schritt mit Beziehungsabbruch bestraft worden.

So gesehen war der Kibbuz nie nur Utopie, sondern ein Stück individueller Emanzipation.

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