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Prävention tut not

TU-Studie zu Gewalt bei Jugendlichen

35 Seiten dick ist die Studie mit dem Titel »Die Praxis von Vorurteils- und Gewaltprävention in zwei Berliner Quartieren«, deren Ergebnisse am Dienstag im Festsaal des Rathaus Charlottenburg vorgestellt wurden. Erstellt wurde sie von der Arbeitsstelle Jugendgewalt und Rechtsextremismus des Zentrums für Antisemitismusforschung (ZfA) der TU Berlin, im Auftrag der Landeskommission »Berlin gegen Gewalt«. Der Fokus der Untersuchung lag auf den Quartieren rund um die Beussel- straße in Moabit-West und das Falkenhagener Feld Ost in Spandau.

In ihren einleitenden Worten verwies ZfA-Leiterin Stefanie Schüler-Springorum auf grundsätzliche Problematiken bei Untersuchungen zum Thema Jugendgewalt. Sie kritisierte u.a., dass Mädchen bei entsprechenden Studien überwiegend keine Rolle spielen und, wenn von »Jugend« die Rede ist, »junge Männer« gemeint seien. Jugendgewalt sei stets das Ergebnis einer Kombination verschiedener Faktoren aus einem ganzen Bündel von Ursachen, fügte der zuständige Staatssekretär Andreas Statzkowski hinzu. Gewalt von Jugendlichen sei dann wahrscheinlich, wenn gewaltlegitimierende Männlichkeitsnormen auf eine fehlende Frusttoleranz und mangelnde Zukunftsperspektiven treffen.

Michael Kohlstruck, ZfA-Verantwortlicher für die Studie, schränkte die Aussagekraft seiner »erkundenden Untersuchung« bei der Vorstellung insofern ein, als dass man die Berichte der befragten Pädagogen für »Wirklichkeit« genommen habe, demzufolge bilde die Studie nur deren Wahrnehmung ab. Dennoch ließen sich einige Diagnosen daraus ableiten: Vorurteile kristallisierten sich durch die Konstruktion von »Fremd- und Eigengruppe« entlang sozialer Kategorien wie Kultur und Herkunft. Ein weiterer Risikofaktor, den die Studie zu Tage gefördert habe, ergänzte Kohlstruck, sei, dass viele Jugendliche in Brennpunkten zwischen den Welten ihres Elternhauses und der staatlichen Bildungseinrichtung lebten. Als praktische Folgerungen regte Kohlstruck die Unterstützung des Erlernens »zivil-demokratischer Normen« und Maßnahmen zur positiven Identifizierung der Jugendlichen mit ihrem Wohnquartier an. Die Ausführungen von Kohlstruck stießen beim anwesenden Fachpublikum nicht nur auf Zustimmung, so wurde bemängelt, dass die Rolle von bürgerschaftlichem Engagement bei der Prävention von Jugendgewalt nicht erwähnt wird. Ein Mitarbeiter der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung kritisierte die »Normen-Werte-Soße« auf dem Podium. Ziel müsse in erster Linie die Sicherstellung der Einhaltung bestimmter Normen seien. Einen verbindlichen »Werteteppich« über die Stadt zu legen, könne niemand wollen. Berlin lebe von seiner Vielfalt. Die Schaffung eines Vorurteilsbewusstseins nannte er ein erstrebenswertes und realistisches pädagogisches Ziel. Die Jugendlichen müssten keine Sympathie, aber Empathie für ihre Mitmenschen entwickeln.

Skepsis äußerte auf dem Podium auch Elvira Berndt, Geschäftsführerin des Straßensozialarbeitsnetzwerks »Gangway«. Sie warnte davor, das Problem auf Menschen mit Migrationsgeschichte zu begrenzen. Jugendgewaltprävention erfordere eine »kontinuierliche niedrigschwellige Intervention«. Empathie müsse »vorgelebt« werden, da könne man keine »Hochglanzbroschüren« machen.

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