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Asozialer Imperativ

Anmerkungen zum Todestrieb der Konkurrenz

Dass es sie immer gegeben hat und wir gar nicht anders können, ist wohl eines der weitest verbreiteten Vorurteile. Doch wenn wir im Index der gesammelten Schriften von Kant oder Hegel nach den Schlagworten »Konkurrenz« und »Wettbewerb« suchen, werden wir enttäuscht. Warum? Ganz einfach: Diese Termini spielten zu ihrer Zeit kaum eine Rolle. Die Kategorie der Konkurrenz ist aufgestiegen mit der großen Industrie einerseits und der Arbeiterklasse andererseits. Erst da wurde sie unübersehbar wie aufdringlich zu einem gesellschaftlichen Faktor von Rang. Erst im 19. Jahrhundert setzte sie sich als Zentralbegriff in der herrschenden Sprache fest.

Gegen die eherne Konkurrenz, wie sie etwa auch von Proudhon vertreten wurde, argumentierte Karl Marx in »Das Elend der Philosophie« (1847) wie folgt: »Die Konkurrenz ist der Wetteifer im Hinblick auf den Profit. (...) Die Konkurrenz ist nicht der industrielle Wetteifer, sondern der kommerzielle. (...) Wenn man sich einbildet, dass es nur Verordnungen bedarf, um aus der Konkurrenz herauszukommen, wird man niemals von ihr befreit werden. Und wenn man die Dinge so weit treibt, die Abschaffung der Konkurrenz unter Beibehaltung des Lohnes vorzuschlagen, so schlägt man vor, einen Unsinn zu verordnen.«

Es macht schon einen Unterschied, ob Konkurrenz ein gesellschaftliches Formprinzip darstellt, oder ob Vergleiche selektive Aspekte des Daseins beurteilen. Konkurrenz meint nicht den Vergleich schlechthin, sondern trägt dem Kriterium der Verwertbarkeit Rechnung. Verglichen werden monetäre Ergebnisse, nicht die an sie verausgabten Energien. Der gängige Vergleich ist somit nicht bloß eine profane Bestimmung, sondern folgt explizit einem kommerziellen Code, der sich ebenso in den Subjekten ausdrückt, weil deren Fühler so eingestellt sind. Flink wie wir sind, reden wir über die Chancen am Markt, über das Volumen des Geschäfts, die besten Angebote und die einträglichsten Jobs, so als sei dies alles das Selbstverständlichste auf der Welt. Die Konkurrenz ist inzwischen in alle Felder, ja fast alle Situationen des Lebens eingedrungen. Sie ist tautologischer Selbstzweck geworden, sie ertüchtigt uns nicht als Menschen, sondern sie ertüchtigt uns für die Konkurrenz.

Konkurrenz fungiert auf drei Ebenen: Verkäufer gegen Verkäufer, Käufer gegen Käufer und Verkäufer gegen Käufer. Kämpfe am Markt redigieren den Wert zum Preis. Geht es in den beiden ersten Auseinandersetzungen um Realisierung oder Nichtrealisierung des Werts, also um Inklusion und Exklusion, so geht es im dritten Kampf um die Proportion, prototypisch dargelegt im Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital beim Verkauf der Ware Arbeitskraft. Konkurrenz dreht sich hier um das Verhältnis von variablem Kapital zum Mehrwert (v:m), also um die Mehrwertrate.

Der Ort der Konkurrenz ist der Markt. Konkurrenz entfaltet sich in der Sphäre der Zirkulation, dort, wo Preise verhandelt und vereinbart werden. Während auf materieller Ebene, bei der Herstellung von Gütern, die Kooperation unabdingbar ist, ist auf der Ebene des Geschäfts die Konkurrenz das Alpha und Omega. In Produktion und Distribution kann man nicht gegeneinander arbeiten, sondern bloß miteinander. Gegeneinander auftreten muss man allerdings auf dem Markt, wo es darum geht, andere beim Verkauf oder beim Sich-Verkaufen zu schlagen. Das legt schon der kapitalistische Selbsterhaltungstrieb nahe. Ich kann nur verkaufen, was ein anderer nicht verkaufen kann. Das freie Subjekt kann nicht dagegen sein, denn es ist die Personifikation der Konkurrenz. »Nicht die Individuen sind frei gesetzt in der freien Konkurrenz; sondern das Kapital ist frei gesetzt.« (Marx)

Konkurrenz heißt Verdrängung. Sie ist stets gegen andere gerichtet. Was man will, also verkaufen und verwerten, das soll den anderen partout nicht glücken. Konkurrenz ist auf Ausschluss bedacht. Konkurrenz ist das bürgerliche Dasein gegen das Andere. Wenn Kooperation das Dasein füreinander ist, dann muss Konkurrenz als das Dasein gegeneinander gelten. Konkurrenz, nicht Kooperation ist das konstitutionelle Merkmal des bürgerlichen Menschen.

Die Konkurrenz ist der Stachel der Verwertung. Sie ist ein Trieb, der keiner ist, aber allen intus ist. Existenzielle Motivation gestaltet sich als Todestrieb. Verfolgung von Interessen zielt auf Vernichtung. Alle laufen letztlich um ihr Leben. Konkurrenz ist nicht bloß äußerer Zwang, sondern innerer Modus der Subjekte. Die Konkurrenz überzieht uns als Charaktermasken mit einer zweiten Haut, einem Panzer zum Überleben. Sensibilität gegenüber seinesgleichen ist da nicht gefragt. Der marktwirtschaftliche Typus wird seriell hergestellt. Wir sind Machwerke des Marktes. Wobei die Produkte unterschiedlicher Qualität sind und gar nicht wenige gar nicht solche sein wollen. Helfen tut ihnen das wenig.

Mit der Konkurrenz herrscht der asoziale Imperativ. Die bürgerlichen Subjekte sind Triebtäter, die gar nicht anders können. Da wir so handeln, denken wir so und schließlich ist auch das Fühlen ganz bei der Sache. Wir sind, was wir tun, und wir spüren uns als solche. Selbst wenn es uns gelingt, uns in der Reflexion und Emotion ideell über diese Konstitution hinwegzusetzen - und dazu sind wir zweifellos fähig -, erleiden wir dann doch immer wieder Schiffbruch und knicken ein vor der scheinbaren Allmacht faktischer Verhältnisse.

Das kapitalistische System synthetisiert Exponate, die jenem zu dienen haben. Sie können in keiner Hinsicht frei sein, außer sie begreifen ihre Freiheit als konsequente Erfüllung und Umsetzung der Vorgaben. Als Synthese wird die reaktive Formierung eines unbestimmten Resultats verstanden. Dieses ist Folge, nicht Absicht, es ergibt sich zwangsläufig aus den Handlungen. Synthese benennt aber nichts Zufälliges, sondern etwas Fälliges. Eben weil sich jene quasi organisch in uns vollzieht, wird sie als Trieb missverstanden.

Der ausgerufene Frieden trügt. Intuitiv registrieren die Marktteilnehmer ihre Chancen und versuchen, sie zu realisieren. Es regiert das Kalkül, nicht das Vertrauen, die Versorgung ist stets der Verwertung untergeordnet. Entscheidungen am Markt gestalten sich keineswegs konfliktfrei. Gewalt ist der Konkurrenz eingeschrieben, nicht überwunden, sondern bloß eingefroren. Konkurrenz, das ist nur scheinbar kalmierter Krieg, der aber im Ernstfall sofort wieder in gewalttätige Konfrontationen kippen kann. Konkurrenz ist nur »friedlich«, wenn sie es sich leisten kann. Das Eis ist dünn, auf dem wir uns bewegen, und es scheint dünner zu werden.

Rationalität und Interesse sind Aspekte der Konkurrenz, keineswegs ausschließliche Bestimmungsstücke. Ebenso dazu gehören Protektion und Korruption, Raub und Bestechung, Mord und Erpressung. Der Markt ist kein Fair Play, die Geschichte des Kapitals ist voll mit Kapitalverbrechen, und die ursprüngliche Akkumulation, die Aneignung via Gewalt, hat nie aufgehört.

In der Konkurrenz sind Persönliches und Unpersönliches durch Ambivalenzen verbunden. Aversion gegenüber Konkurrenten ist keine Fehlschaltung der Subjekte, nur eine Umschaltung. Konkurrenz pendelt zwischen Feindschaft und Indifferenz, nur die Freundschaft hat in ihr keinen Platz. Ins Ressentiment kippt diese Schaltung durch die Fixierung auf einen Schuldigen, kurzum auf einen Sündenbock. Rationalität und Irrationalismus laufen synchron, sind alles andere als säuberlich zu trennen.

Konkurrenz ist ein Prinzip, das stets seine eigenen Grundlagen zerstört, sie hat ein destruktives Verhältnis auch zu sich selbst, ist somit ihre eigene Negation. Die Nichtung der Kontrahenten ist unumgehbar. Resultat der Konkurrenz ist die Eliminierung der Konkurrenten. Das konkrete Tun negiert das abstrakte Bekenntnis. Die Konkurrenz schützt also die Konkurrenz nicht, sondern betreibt ihre Abschaffung. Sie führt zu Konzentration und Monopol. So muss die Konkurrenz permanent vom ideellen Gesamtinteressenten, dem Staat und seiner Gesetzgebung, dazu angehalten werden, doch Konkurrenz bestehen zu lassen. Konkurrenz will Konkurrenz in den Tod treiben. Leben definiert sich als Kampf, in dem es um Überleben und um Töten geht. Darin liegt Quintessenz und Botschaft. Konkurrenz will Vernichtung der Konkurrenz aufgrund der Konkurrenz. Die Konkurrenz beherbergt ihren eigenen Todestrieb. Ihre Lust ist die Mordlust, so beiläufig sie auch oft daherkommt. Der junge Engels nannte die Konkurrenten eine »Horde reißender Tiere«.

Was wir als einfach empfinden, erscheint nur deswegen einfach, weil wir einfach nichts anderes kennen als das böse Spiel der Märkte. Das ist die Matrix, in der wir laufen, uns verlaufen und auch ablaufen. Es ist das Feld, auf dem wir stehen und vergehen. Wenn es nach dem Kapital geht, soll uns nie mehr anderes bestimmt sein. Wir sind das Personal des Marktes, ihm haben wir bei Strafe des Untergangs zu gehorchen und zu dienen. Konkurrenz ist das, was uns diesbezüglich auf Trab hält und wohl zusehends in Galopp versetzt.

In der Konkurrenz stellen wir etwas vor, ohne es zu sein; in der Konkurrenz stellen wir etwas an, ohne es zu wollen; in der Konkurrenz möchten wir, dass uns gelingt, was anderen partout nicht glücken soll; in der Konkurrenz gestalten wir das Miteinander als ein Gegeneinander. Sätze wie »Wettbewerb ist das, was Europa braucht« sind gemeingefährlich, denn Standortsicherung heißt Standortvernichtung. Je nach Standort.

Nun sage niemand, all das sei nicht verrückt. Wenn die Konkurrenz tatsächlich das hervorbringen soll, was wir verdienen, dann gilt es ganz kategorisch dagegen zu halten: Niemand verdient das, was er oder sie verdient. Auch nicht mehr oder gar weniger. Wir verdienen anderes. Das Konkurrenzprinzip ist ein universalisierter Defekt. Ranking und Mobbing sind da nur die neuesten Schlager. Konkurrenz ist abzulehnen, auch in jeder modifizierten Form, sie ist schlicht und einfach zu ächten.

www.streifzuege.org

Konkurrenz

... ist ein Prinzip, das stets seine eigenen Grundlagen zerstört.
... schützt die Konkurrenz nicht, sondern betreibt ihre Abschaffung.
... führt zu Konzentration und Monopol.
... muss permanent vom Staat dazu angehalten werden, Konkurrenz bestehen zu lassen.
... will Vernichtung der Konkurrenz aufgrund der Konkurrenz.

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