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»Denkt an mich in Liebe ...«

Der vergessene Arbeiterwiderstand - die mutigen Frauen und Männer von Thüringen

Im Fokus der öffentlichen Erinnerung in der Bundesrepublik an Opposition und Widerstand im »Dritten Reich« stehen die studentische Gruppe »Weiße Rose«, die Verschwörer um den Hitler-Attentäter Stauffenberg und die Bekennende Kirche. In den letzten Jahren wird auch der antifaschistische Kampf der »Roten Kapelle« - in der DDR geehrt, in der Altbundesrepublik als »Vaterlandsverräter« diffamiert - endlich anerkannt. Doch der Arbeiterwiderstand, der die größten Opfer brachte, ist nach wie vor fast vergessen.

Frauen und Männer aus der Arbeiterschaft widerstanden aus Anstand und Gewissen, so in der einst roten Hochburg Thüringen, wo es 1923 zu einer Koalitionsregierung von Sozialdemokraten und Kommunisten kam, die sich auch als Abwehr der vor allem aus Bayern drohenden »nationalsozialistischen« Bewegung verstand. In Thüringen allerdings gelang es 1930 den Nazis erstmals, Minister in einer »völkisch«-konservativen Regierung zu stellen; zwei Jahre darauf wurde hier sogar die erste NS-Landesregierung unter Gau-leiter Fritz Sauckel gebildet. Nach der sogenannten Machtübernahme der Nazis in ganz Deutschland hielten, wie es in späteren Anklageschriften des »Volksgerichtshofes« hieß, »viele ehemalige Kommunisten und Sozialdemokraten an ihrer früheren Einstellung fest und betätigten sich auch organisatorisch und propagandistisch« weiterhin gegen die Nazis.

Am 5. Januar 1945 fielen in Weimar neun Köpfe des Arbeiterwiderstandes unterm Fallbeil. Die Hinrichtungen dauerten jeweils 20 Sekunden; deutsche Beamten protokollieren penibel. Als erste ermordet wurde Minna Recknagel, die u. a. daran beteiligt war, die Wahrheit über den Massenmord an Juden mittels Gas in den Vernichtungslagern zu verbreiten. Ihr in den Tod folgten ihr Mann Emil Recknagel, Adolf Anschütz, Rudolf Gerngroß, Friedrich Heinze, Ernst König, Carl Stade und Ewald Stübler. Sie hatten vor allem in der Suhler »Friedberg-Gruppe« und in Rüstungsbetrieben wie Haenel und Gustloff, dem »arisierten« Simsonwerk, mit Gleichgesinnten illegale antifaschistische Arbeit geleistet. Anschütz, Zangenmacher von Beruf und Sekretär des Verbandes der Metallarbeiter in Suhl, war mit seiner Frau Anna und seiner Tochter Hilde verhaftet worden. In seinem letzten Brief schrieb er an seine fünf Kinder: »Sterben ist Gewinn, Leben ist Kampf ... ich habe für Euch Kinder gelebt und ... hoffe zuversichtlich, daß Ihr es einmal besser bekommt ... Denkt an mich in Liebe.« Die Toten zu Weimar waren nicht die ersten und nicht die letzten Opfer des Arbeiterwiderstandes in der Waffenschmiede Suhl und Umland. Bislang gelang es durch regionalhistorische Studien, das Schicksal von 250 Frauen und Männern zu ergründen, die in Gestapohaft, Gefängnis, Zuchthaus und KZ kamen, 28 von ihnen wurden nach Todesurteilen hingerichtet.

Sie hatten gegen die Kriegspolitik gestritten, per Mundpropaganda oder mittels hauchdünner und kleinformatiger Streuzettel, die sie in ihren Betrieben oder andernorts in Umlauf brachten, über das Wesen der Hitlerdiktatur aufgeklärt. Sie leisteten solidarische Hilfe für Familien verfolgter Arbeitskollegen oder Nachbarn, sei es durch moralischen Zuspruch oder materielle Hilfe. Sie versuchten Kollegen gegen Arbeitszeitverlängerungen zu mobilisieren oder zu Krankschreibungen zu ermuntern, um der Rüstungsproduktion zu schaden. In den Vorkriegsjahren gelang es ihnen sogar mehrfach, Streiks in Rüstungsbetrieben einzufädeln. Dies bedurfte Mut und Vorsicht. Die Illegalen mussten gewahr sein, jederzeit denunziert zu werden. Verhängnisvoll war beispielsweise für den Modelltischler Bernhard Kleffel, dass er gegenüber Arbeitskollegen 1937 im Gustloffwerk äußerte, die »Weihnachtsbeihilfe« sei ein »Judaslohn« und die Naziführer seien »alles Kriegshetzer«.

Das hohe Niveau der Widerstandsaktionen schwächte sich nach 1933/34 ab, blieb jedoch der einzig nennenswerte Widerstand gegen Eroberungswahn und Naziterror. Mit Kriegsbeginn nahm der Widerstand wieder an Breite und Intensität zu. Im Haenelwerk, wo Alfred »Max« Gerngroß, der Bruder des am 5. Januar 1945 ermordeten Rudolf Gerngroß, über Jahre hinweg Kopf einer größeren Widerstandsgruppe war, gelang es, die Fertigung von Sturmgewehren und anderem Kriegsgerät teils über Monate hinweg zu verschleppen. Spitzel der Gestapo berichteten, dass sich in den Gesprächen der Rüstungsarbeiter »der staatsfeindliche Ton« verschärfe. Hier und in anderen Betrieben mehrte sich die Kritik an Arbeits- und Lohnverhältnissen sowie gegen Kriegsende an der Ernährungslage. Die Illegalen unterstützten auch so weit wie möglich die Zwangsarbeiter, die bald bis zur Hälfte der Belegschaften in den Rüstungsbetrieben Haenel, Sauer, Heym u. a. ausmachten. Sie unterrichteten sie über die Kriegslage, versorgten sie mit Kleidung, Medikamenten und Briefpapier und leiteten dann auch Briefe an deren Angehörige unter geschickter Umgehung der Zensur weiter.

Höhepunkte der brutalen Bekämpfung des Arbeiterwiderstandes waren die Massenverhaftungen im September 1943 und im Juni 1944. Demonstrativ nahm die Gestapo zahlreiche Arbeiter direkt am Arbeitsplatz fest. Auf Lastwagen wurden sie in die Suhler Gendarmerieschule gebracht. Hier mussten die Gefangenen stundenlang mit verbundenen Augen und mit dem Gesicht zur Wand stehen, bevor sie in die Landesstrafanstalt nach Ichtershausen oder in andere Thüringer Haftanstalten deportiert wurden.

Alfred Gerngroß, Gottlieb Hess, Wilhelm Hollandmoritz, Reinhold Kleinlein und Fritz Köhler wurden noch vor den sogenannten »Suhler Waffen- und Hochverratsprozessen« erschlagen oder zu Tode gequält. Den Büchsenmacher Emil Eckstein ließ man verhungern.

Hollandmoritz hoffte in einem seiner letzten Briefe, Frau und Sohn bald wiederzusehen. Es war ihm nicht vergönnt, er starb am 3. Dezember 1943. Seine letzten Worte - »Hauptsache ist ein reines Gewissen« - stehen exemplarisch für alle Thüringer Antifaschisten, die im Kampf gegen Hitler ihr Leben riskierten.

Viele inhaftierte Widerstandskämpfer starben noch während der Hunger- und Todesmärsche in den Monaten März und April 1945; nur wenigen gelang in den Wirren der letzten Kriegswochen die Selbstbefreiung, unter ihnen Karl Heym, nach Kriegsende der erste Landrat im Kreis Suhl. Sein Vater, der Reichstagsabgeordnete Guido Heym, war gemeinsam mit dem Büchsenmachermeister Erhardt Schübel und dem Maurer Robert Gladitz noch am 5. April 1945, wenige Stunden vor der Befreiung Weimars durch US-amerikanische Truppen, hinterrücks von einem Kommando von Gestapo- und SS-Leuten erschossen worden. Ihre Leichname fand man, verscharrt in Bombentrichtern im Webicht, einem unweit von Weimar gelegenen Waldstück, erst im Sommer des ersten Friedensjahres.

Dr. Gerd Kaiser, geboren 1933, Militärhistoriker, forscht seit Jahren über den Widerstand in seiner thüringischen Heimat; in den 90er Jahren veröffentlichte er Bücher über Peenemünde und über Katyn.


Es gehört zu den verbreiteten Überzeugungen, die Aktionseinheit der Arbeiterbewegung hätte den Faschismus verhindern können. So wünschenswert eine solche Einheit gewesen wäre ... die Kräfteverhältnisse der Jahre 1932/1933 legen nahe, dass selbst eine solche Einheitsfront die rechtskonservative und faschistische Dominanz nicht mehr brechen konnte. Dennoch bleibt die Tatsache, dass die KPD trotz des heroischen Einsatzes Zehntausender ihrer Mitglieder im Kampf gegen den Faschismus nicht alles getan hat, dieses Regime zu verhindern ... Sie und die anderen antifaschistischen Kräfte mussten ihre Unfähigkeit, einen demokratischen und antifaschistischen Konsens zu finden, mit bitteren Erfahrungen und großen Opfern bezahlen ...

Revolutionarismus auf der einen, Legalismus auf der anderen Seite, bewirkten einen Zustand der Selbstblockade und der Lähmung ... Als Hitler im März 1933 sein Ermächtigungsgesetz durchpeitschte, blieb der Widerspruch der SPD folgenlos. Die KPD-Fraktion war von Hitler verfassungswidrig bereits liquidiert worden.

Wenn auch die Frage nach den Erfolgschancen eines Generalstreiks gegen das Hitlerregime offen bleiben muss, ist Willy Brandt zuzustimmen, dass die Zukunft Deutschlands und Europas anders ausgesehen hätte, wenn die Nazis nicht nahezu kampflos das Feld hätten übernehmen können.
Aus der Erklärung der Historischen Kommission beim Parteivorstand der LINKEN (voller Wortlaut auf der Homepage der Partei www.die-linke.de)

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