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Ein rauschhaftes Abenteuer

Tocotronic-Drummer und -Keyboarder Arne Zank über bewussten Dilettantismus und Selbstbeschränkung im Studio

Die Band Tocotronic avancierte in den 1990ern zum Vorbild der Generation der melancholischen Twentysomethings. Nun meldet sich die Formation aus Hamburg und Berlin mit ihrem zehnten Studioalbum »Wie wir leben wollen« zurück. Im Gespräch mit Olaf Neumann gibt Schlagzeuger, Keyboarder und Gelegenheitssänger Arne Zank Auskunft über das Tocotronic-Universum.

nd: Als Band will man einerseits erkennbar bleiben, andererseits auch Neues wagen. Ein schwieriger Spagat?
Neumann: Wir hatten auch immer Spaß an der Kontinuität. Wir sind ja immer noch in derselben Besetzung unterwegs und beschließen Dinge zusammen, damit sich jeder wohlfühlt. Wenn man eine Band schon so lange macht, stellt sich einfach das Bedürfnis ein, dass man das Ganze für sich interessant hält. Ich glaube, zu viert sind wir ein gutes Korrektiv. Damit tritt bei dem einen oder anderen auch mal eine Unzufriedenheit ein und man wagt wieder was Neues.

Die neuen Lieder hielten Sie auf einem analogen Telefunken-T-9-Vierspur-Tonbandgerät aus den 50er Jahren fest. Was reizte Sie an der Klangästhetik der Mottenkiste?
Unser Produzent Moses Schneider hatte das Buch »Recording The Beatles« gelesen. Darin wird sehr detailliert geschildert, wie die Band ihre Platten aufgenommen hat. Durch die digitale Entwicklung sind die Optionen bis ins Unendliche gestiegen, deshalb ist bei uns das Interesse an den alten Aufnahmetechniken bzw. der Beschränkung der 60er Jahre wieder aufgekommen. Moses Schneider schlug vor, das Album im Candy Bomber Studio in Berlin-Tempelhof mit einem Vierspurtonbandgerät aufzunehmen. Es war ein gewaltiges, rauschhaftes Abenteuer, denn um 17 Stücke innerhalb von zehn Tagen aufnehmen zu können, mussten wir sehr gut vorbereitet sein. Viele Soundentscheidungen mussten bereits im Vorfeld gefällt werden, denn der Sound wird ja direkt beim Aufnehmen definiert. So hatten wir noch nie gearbeitet.

Ihre erste Single nahmen Sie 1993 im Zweispurverfahren mit einem Kassettenrekorder auf. Haben Sie der digitalen Technik von Anfang an misstraut?
Damals war digitales Aufnehmen einfach noch nicht so stark verbreitet und wir waren von der Lo-Fi-Ästhetik fasziniert. Wir wollten mit unseren Songs schnell an die Öffentlichkeit gehen und nicht im Proberaum versauern. Unser erstes Album hieß dann aber »Digital ist besser«. Im Laufe der Jahre sind wir immer interessierter geworden an Aufnahmestrategien und Konzepten. Bereits beim Komponieren wird bei uns eine gewisse Soundästhetik mitgedacht.

Dirk von Lowtzow schreibt die Texte. Wie oft werden diese von den anderen abgelehnt?
Erst mal freuen wir uns, wenn er uns seine Ideen vorspielt. Aber es gibt schon Sachen, die in der Band musikalisch oder textlich nicht funktionieren. Grundsätzlich ist Dirk aber ein sensibler Songschreiber, der viel aufgreift, was in der Band schon da ist. So ergibt sich ein permanenter Austausch. In den seltensten Fällen ist man völlig verstört über eine Idee.

Nicht alles, was von Lowtzow schreibt, ist für andere sofort verständlich. Wie gehen Sie damit um?
Wir hören Musik nicht nach dem Verstehen, sondern eher, ob man sie mag oder nicht. Wenn uns andere etwas unangenehm irritiert, fragen wir nach. Wollen wissen, wo er das herhat und warum es ihm wichtig ist.

Früher hätte Tocotronic wahrscheinlich niemals daran gedacht, lange an den Liedern zu feilen und ihnen eine kompositorische Tiefe zu geben. Wie stehen Sie heute zum bewussten Dilettantismus von früher?
Die Fähigkeiten als Musiker werden naturgemäß eher mehr als weniger. Ich bin zum Beispiel sehr an Spieltechniken interessiert und sehe mir nach wie vor andere Bands an. Oftmals gucke ich mit Neid auf andere Schlagzeuger - ich habe das ja nie akademisch gelernt, sondern einfach durch Hinglotzen bei dutzenden Konzerten. Ob bei mir jetzt aber mehr Triolen oder Synkopen drin sind, entzieht sich meiner Kenntnis.

Geht es Ihnen darum, eine Rockmusik zu spielen, die keine Klischees bedient?
Die Aussage finde ich schwierig. Manchmal hat man ja auch Lust am Klischee. Wir kommen aus dem Punk- und Hardcore-Bereich, in den 90er Jahren gab es den Begriff des Rockismus, den man abzulehnen hatte. Darunter fielen gewisse Klänge und Arten von Musik, die man furchtbar fand.

Schließt man das alles beim Musikmachen aus, ergibt sich allein dadurch schon sehr viel. Aber auf der anderen Seite holen wir auch gerne Rockklischees rein und verdrehen sie.

Welche Rockklischees bedienen Sie mit der neuen Platte?
Allein die Beatles und die Beach Boys als Referenz mit reinzunehmen ist ja schon fast ein Klischee. Vor zehn Jahren haben wir ein weißes Album gemacht, auch das kann man durchaus als Klischee sehen.

Was ist das größte Klischee über Tocotronic?
Am Unangenehmsten finde ich das Klischee, eine intellektuelle Band zu sein. Dagegen wehre ich mich dringlich. Ansonsten sehe ich uns auf ganz gutem Wege, was die Rezeption betrifft.

Im Netz haben Sie einen Countdown gestartet, bei dem Sie täglich eine neue Antwort auf die Frage »Wie wir leben wollen« Ihren Fans anvertrauen. Ist es eigentlich wichtig, selbst Fan zu bleiben?
Ich bin schon gerne Fan von anderen Bands. Wenn das passiert, lasse ich mich da auch gerne reinfallen. Beim Konzert von Grizzly Bear habe ich mich wie ein Fan ganz nach vorne gedrängelt. Dadurch, dass ich schon sehr lange Musik höre, wird es nicht einfacher, man wird ja immer selektiver. Das Allertollste ist, dass ich immer noch Fan von meiner eigenen Band sein kann.

»Wie wir leben wollen« klingt wie ein gesellschaftspolitisches Statement...
Der Titel ist bewusst sehr offen gefasst. Man kann es auf jeden Fall so lesen. Die Herangehensweise ist eher eine Assoziative. Wir möchten das Angebot an unsere Hörerinnen und Hörer machen, über das Material, das wir angehäuft haben, zu sinnieren.

Darüber, wie wir leben wollen, haben Sie 99 Thesen aufgestellt. Eine der Thesen lautet: »Anders als die anderen«. Wollen Sie sich immer noch abgrenzen?
Heutzutage ist es geradezu eine gesellschaftliche Forderung, anders zu sein. Aber so antiautoritär wie man halt funktioniert, würde man sich dagegen immer sträuben. Eine Band hat man doch gerade deshalb so gerne, weil man die Gemeinsamkeit sucht und rein will in die Gesellschaft.

Tocotronic - »Wie wir leben wollen« (CD, Universal) - die LP ist seit Freitag im Handel.

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