Werbung

Leidenschaft in Moll

Die Jüdin Ursula Mamlok verwirklichte ihren Traum und wurde eine gefeierte Komponistin

Sie lacht. Und bestätigt: »Oh ja, ich wurde schon oft auf Professor Mamlock angesprochen und gefragt, ob ich mit ihm verwandt bin. Dabei ist das doch eine fiktive Figur.« Außerdem hat Friedrich Wolf seinem Helden ein »c« geschenkt.

»Denn kein größeres Verbrechen gibt es, als nicht kämpfen wollen, wo man kämpfen muss.« Mit diesen Worten setzt der ehemalige Kriegsteilnehmer und Hindenburg-Wähler Mamlock, dem die Braunhemden schon das Schild »Jude« um den Hals gehängt und aus seinem Krankenhaus gejagt haben, im letzten Akt des Dramas seinen Namen selbst auf die Liste der aus »rassischen Gründen« zu entlassenden Kollegen. In der bitteren Erkenntnis, dass sein Hoffen auf Gerechtigkeit und Solidarität jedoch umsonst war, erschießt sich der Arzt mit seiner Pistole aus dem Weltkrieg, der den Zusatz »Erster« erhalten wird.

Notenblätter in A-3-Format liegen auf dem großen runden Tisch im Appartement von Ursula Mamlok. Sie hat wieder eine Komposition geschrieben. »Für meinen Freund Heinz Holliger, ein weltberühmter Oboist, ein Schweizer. Das ist für die Ittinger Pfingstkonzerte.« Am 1. Februar wird die deutsch-amerikanische Komponistin 90. Sie ist eine gebürtige Meyer. Ihr leiblicher Vater starb, als sie zwei war. Die Mutter heiratet sechs Jahre später den Prokuristen Lewy. »Ich erinnere mich noch, wie Vater kurz vor meinem zehnten Geburtstag mit sehr traurigem Gesicht in mein Zimmer kam und sagte: ›Hitler ist an die Macht gekommen.‹ Das war für uns Juden natürlich schrecklich.«

Die musikalisch begabte und passionierte Ursula Lewy-Meyer besucht das Fürstin-Bismarck-Lyzeum. Der jüdische Direktor wird 1937 entlassen. »Von den 25 Kindern in meiner Klasse waren sieben jüdisch«, erinnert sich Ursula Mamlok. »Es gab damals den Tag der deutschen Hausmusik. Alle Kinder, die ein Instrument beherrschten, sollten etwas spielen. Ich habe ein Stück komponiert, das ich ›Wüstenritt‹ nannte. Weil Vater immer drohte: ›Wenn du nicht artig bist, dann geht es ab in die Wüste.‹« Das frühkindliche Werk ist in Moll. Das entgeht den gespitzten Ohren des deutsch-nationalen Lehrers nicht. Er lobt eine Mitschülerin, die ein Stück mit dem Titel »Frühlingskahnfahrt« spielte: »Ein christliches Kind spielt in Dur!« Moll war ihm zu orientalisch. »Ich bin später, unter Schönbergs Einfluss, atonal geworden«, ergänzt Ursula Mamlok.

Im April 1938 ist für das jüdische Mädchen die Schulzeit vorbei. Der neue Direktor vermerkt im Abgangsbuch: »Sie verließ die Schule, um Musik zu studieren.« Ursula Mamlok kommentiert: »Das war eine faustdicke Lüge. Mir tat es aber nicht leid. Eigentlich habe ich mich sogar gefreut. Denn ich dachte, jetzt kann ich mich wirklich ganz meiner Leidenschaft widmen.« Doch Ursula, die ab August des Jahres den Beinamen »Sara« tragen muss, irrt. Juden ist auch der Besuch von öffentlichen Konzerten nicht mehr gestattet. »Ich bin so gern und sehr oft ins Konzert gegangen. Sogar als dann die Säle mit Hakenkreuz-Fahnen drapiert waren und vor dem Beginn das Horst-Wessel-Lied gespielt wurde.« Es wird immer schwerer, Klavierunterricht zu nehmen. »Eine Lehrerin nach der anderen wanderte aus.« Bereits 1936 ist das Stern’sche Konservatorium »arisiert« worden. Dessen guter Geist Kurt Hollaender gründete daraufhin eine private jüdische Musikschule, die Ursula nun besucht. Hollaender wird 1941 mit seiner Frau in das Ghetto Litzmannstadt (Łódź) deportiert, wo er noch im selben Jahr stirbt.

»Als am 9. November 1938 die Synagogen brannten, bekamen wir einen anonymen Telefonanruf: ›Geht nicht auf die Straße! Die Synagogen brennen!‹ Wir waren verwirrt, wussten nicht, was davon zu halten war. Aber seitdem stand für meine Eltern fest: ›Wir müssen hier raus.‹« Ursulas Vater, der Frontsoldat im Ersten Weltkrieg war, ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz, erhält von seinem Chef im Jahre der »Reichskristallnacht« ein Schreiben: »Die Umstände erlauben es nicht, dass wir Sie noch weiter beschäftigen.«

Ein Verwandter des Vaters lebt in Ecuador. Der Chemiker betreibt eine Apotheke. Man hatte zuvor keinerlei Kontakt zueinander. Nun aber kommt ein Brief von ihm. Er schreibt, er habe eine Schwester in Hamburg, die er retten wolle. Und er würde auch anderen Verwandten Papiere besorgen. »Wir wussten gar nicht, wo Ecuador lag. Wir mussten es erst auf einer Weltkarte suchen. Und Guayaquil, die Stadt, in der er lebte, konnten wir gar nicht aussprechen.«

Es ist zwar ihre erste große Reise, dazu noch auf einem Luxusliner, den sie in Hamburg besteigen - doch Ursula Lewy-Meyer kann sich nicht freuen, ihre Gedanken sind in Berlin. »Ich hatte einen fantastischen Kompositionslehrer. Ich hatte bereits mit 12 Jahren bei ihm Unterricht. Gustav Ernest hieß er. Er wollte, dass ich mit ihm nach Holland fliehe. Er war schon 80. Ich wäre gern mitgegangen, aber meine Eltern fanden das zu riskant. Er wurde in Holland von den Nazis ermordet.«

Ursula Mamlok hält inne, dann spricht sie mit gedämpfter Stimme weiter: »Wir mussten leider die Großeltern zurücklassen. Wir hatten nur für uns drei Papiere. Wir dachten aber, dass wir bald zurückkehren würden. Großvater hatte Zucker. Und da Juden in Deutschland keine Medikamente mehr bekamen, ist er qualvoll gestorben, Großmutter wurde 1943 abgeholt und starb in Theresienstadt.« Terezín im einverleibten Tschechien. »Der Führer schenkt den Juden eine Stadt«, tönt die NS-Propaganda. Im »Vorzeigeghetto« sterben 38 000 Juden, 90 000 werden von hier in die Vernichtungslager im besetzten Polen deportiert. »Meine andere Großmutter kam nach Treblinka.«

Sechs lange Wochen währt die Überfahrt. »Am Panamakanal mussten wir umsteigen, weil das Schiff zu breit war.« Ursula leidet, ist unglücklich. Sie vermisst Berlin, die Freundinnen, vor allem die Konzerte und Musikstunden. Dem Onkel bringen sie auf dessen Wunsch viele Schallplatten aus Deutschland mit. Ursula will sich musikalisch weiterbilden. Doch bei wem? Da fällt ihr die Zufallsbekanntschaft ihrer Mutter ein: »1936 unternahm sie eine Reise nach Prag. Im Zug war ein Mann, der alle fotografierte. Da sprach ihn der deutsche Zugbegleiter an: ›Das ist verboten.‹ Der Mann verstand nicht,. Meine Mutter kramte ihre letzten Brocken Englisch aus dem Gedächtnis und übersetzte.« Ursulas Mutter kam ins Gespräch mit dem Mann. Es stellte sich heraus, er ist Bürger der USA, Klarinettist und Bandleader, Dozent an der Columbia University of New York. Sie erzählte ihm, dass ihre Tochter komponiere und gern Musikerin werden möchte. Er hörte interessiert zu und machte eine grandiose Offerte: ›Vielleicht kann ich Ihnen einmal helfen. Hier ist meine Visitenkarte.‹«

Ursula bedrängt die Mutter, dem Mann zu schreiben. Auf eine Antwort aus New York müssen sie nicht lange warten. Der Brief enthält Empfehlungen für diverse Musikhochschulen in den USA. Die Mutter schreibt Bewerbungen und Ursula fügt ihre Kompositionen bei. Im Oktober 1939 erreicht sie ein Brief von einer kleinen Musikschule in New York, der Mannes School of Music, mit der frohen Botschaft: »Wir finden Ihre Tochter begabt genug und würden ihr ein volles Stipendium geben.« Die fast 90-Jährige jauchzt auf, als wäre die Nachricht soeben eingetroffen: »Darüber haben wir uns natürlich wahnsinnig gefreut. Wir waren lucky. Jetzt brauchte ich allerdings wieder ein Affidavit.« Das stellt ihr der US-Konsul aus, »obwohl er es eigentlich nicht durfte.«

Die 17-Jährige macht sich auf die Reise. Am 31. August 1940 ist sie am Ziel. »Und nach einem Monat begann die Schule. Ich war überglücklich.« New York beheimatet bereits Tausende jüdische Emigranten. Ursulas Eltern folgen der Tochter. »Ich war bemüht, so amerikanisch wie möglich zu sein.« Aus Ursula Lewy wird Ursula Lewis. 1947 heiratet sie Dwight Mamlok, der Dieter hieß, aus Hamburg stammte und mit einem Kindertransport über Schweden in die USA kam. Erst nach seinem Tod kehrt sie 2006 nach Berlin zurück, um hier ihren Lebensabend zu verbringen.

Am 1. 2. wird die 90-Jährige in der Philharmonie Berlin geehrt; zum Geburtstag erscheint eine Doppel-CD mit ihren Kompositionen.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln