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Der Anruf eines Redakteurs. Er hätte gerne eine Fan-Geschichte, man kenne sich als Autor da ja aus. Er hat gerade offenbar etwas Ungeheuerliches gelesen. Etwas, das so in sein Weltbild zu passen scheint wie ein fliegender Walfisch. Die Spannung steigt am diesseitigen Ende der Leitung.

Der Redakteur hat irgendwo gelesen, dass es in Nürnberg Fans, ja sogar: Ultras, waren, die darauf drangen, dass der Leib- und Magenverein sich doch einmal um seine braune Vergangenheit kümmere. Der Mann ist völlig geplättet. Die Nachricht las sich für ihn so, als habe die katholische Bischofskonferenz gefordert, das Thema Sexueller Missbrauch müsse nun endlich ernsthaft aufgeklärt werden.

Ultras? Das sind doch diese randalierenden zündelnden Schreihälse. Die vor denen ihn seine Eltern immer gewarnt haben. An politischer Reflektiertheit hat er ihnen höchstens die Frage zutraut, ob sich das Nazitum wohl besser innerhalb oder außerhalb der NPD austoben lasse. Aber Ultras, die über Antisemitismus debattieren? Die den Mund aufmachen, wenn jemand „Schiri, du Jude“ blökt?

Nun wäre es ein leichtes, sich über die Realitätsferne des Anrufers zu mokieren. Vielleicht ist er erst vergangenen Samstag in der Innenstadt irgendwo bei sich im Rheinland gewesen und hat die Straßenseite gewechselt, als ihm ein lauter, wütend gestikulierender Block Schwarzgekleideter entgegenkam, der von viel, sehr viel Polizei eskortiert wurde.

Viele Ultragruppen müssen sich tatsächlich nicht wundern dass ihr martialisches Auftreten, ihr Habitus, das Streetfighter-Getue eindeutige Assoziationen weckt. Und es ist ja auch nicht so, dass neugierige Mittfünfziger wie mein Redakteur bereitwillig willkommen geheißen würden, wenn sie sich mal im Ultra-Block ihr eigenes Bild machen woll(t)en.

Die Szene schottet sich nur allzugerne ab. Und vielleicht taugt sie ja auch gerade deshalb so gut als Projektionsfläche. Auch Krimi-Regisseure finden es ja seit Jahrzehnten immer wieder hochgradig spannend, pöbelnden Proleten einen Fanschal und irgendwelche NS-Insignien umzuhängen. Soignierte Großbürger (rechtsliberal) und Kommissare (linksliberal) sind hingegen zu jeder Tages- und Nachtzeit auf dem Boden des Grundgesetzes. Eine merkwürdige Art der Realitätsverleugnung.

Schon Anfang der 90er gab es mehrere dutzend Fanszenen, die mehrere Millionen Aufkleber mit einem klaren Statement verklebten: Faust mit Vereinswappen zerschmettert ein Hakenkreuz: „Wuppertaler SV-/HSV-/Löwen-/FCK-Fans gegen rechts“. Weil dort die Gegenwehr am nötigsten ist, wo das Problem am virulentesten ist? So sähe es wohl unser Redakteur.

Vielleicht ist es aber auch ganz anders. Vielleicht sind Fußballfans nur weiter als mancher anderer Teil der Gesellschaft. Einen „Steuerberater (wahlweise: „Grundschullehrer“, „Schaffnerinnnen“, „Erzieher“) gegen rechts“-Spucki sieht man jedenfalls selten.

Wie schön, dass wir die Dummen, die Rechten immer dort verorten, wo Abweichungen von der bürgerlichen Norm sind. Dort, wo die Musik lauter ist, dort, wo man nicht in den Musikverein eintritt, um zu singen.

Gut, dass es die Fußballfans gibt. Man müsste sich sonst wirklich einmal ernsthaft überlegen, was in unserem Land los ist.

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