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Die Gegenexperten

Der neue Protesttypus ist der pensionierte Ingenieur - fürchten müssen sich die Herrschenden vor ihm nicht

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Bahnhöfe, Windräder, Schulreform - überall in der Republik wird protestiert, vor allem von Ruheständlern mit viel Zeit und Sachverstand. Wissenschaftler haben untersucht, was sie zu Zehntausenden auf die Straße treibt: Es ist Misstrauen in die Politik und das Gefühl, es besser zu wissen.

Der neue Typ Protestierer ist nicht unbedingt sympathisch: Er weiß alles besser, hält Politik für eine Sammelstelle von Nichtskönnern, und ein bisschen konservativ ist er auch noch. Dieses Bild zeichnet das Göttinger Institut für Demokratieforschung in einer neuen Studie von den aktuellen Protestbewegungen. Das Team um den Politologen Franz Walter war im vergangenen Jahr in der gesamten Bundesrepublik unterwegs, besuchte Mahnwachen, Demonstrationen und Versammlungen und interviewte Aktivisten. In den Hype um die neu erwachte Protestfreude der »Wutbürger« stimmen sie danach nicht mit ein. Bei der Vorstellung der Ergebnisse in Berlin betonte Walter am Mittwoch vielmehr die Ambivalenzen, die der Aufstand gegen Windräder, Flughäfen und Bahnhöfe mit sich bringt.

Es wird so viel protestiert wie seit den 80er Jahren nicht mehr. Aber die Engagierten sind andere als damals: Gaben früher junge Sozialwissenschaftler den Ton an, sind es heute Techniker, Informatiker, Biologen über 50. Sie haben genug Zeit für Engagement und sind noch rüstig genug. »Der zentrale Typus der aktuellen Bürgerproteste ist der pensionierte Ingenieur mit Diplom«, sagt Walter. Die Wissenschaftler prognostizieren: »Spätestens zwischen 2015 und 2035 werden sich Hunderttausende hochmotivierter und rüstiger Rentner mit dem gesamten Rüstzeug der in den Jugendjahren reichlich gesammelten Demonstrationserfahrungen in den öffentlich vorgetragenen Widerspruch begeben.« Sie treibt nicht etwa die Wut, sondern »Misstrauen« in den Sachverstand der Politiker. Sich selbst sehen sie als Gegenexperten, der »Rat der Weisen« ist ihr Regierungsmodell.

Die neuen Protestbewegungen wären demnach weniger basisdemokratisch orientiert als angenommen. Die Wissenschaftler haben den Eindruck, dass die Forderung nach Volksentscheiden und direkter Demokratie gar nicht tiefer Überzeugung entspringt, so leidenschaftslos sei sie vorgetragen. Ebenso oft hätten sie den Wunsch nach einem charismatischen Politiker wie Brandt, Schmidt oder Strauß gehört. Das offenbart eher Ratlosigkeit, wie es besser gehen könnte. Politikern rät Walter provokant, sich über die neuen Initiativen zu freuen und ihre »erheblichen Kompetenzen« in Sachfragen zu nutzen.

Längst haben die Bürgerproteste eine Diskussion über den Zustand der Demokratie angestoßen. Mehr Partizipation ist für den Politologen Walter ein Beitrag dazu, eine Lösung der Demokratiefrage sieht er darin nicht. Denn sie ist ambivalent: »Die kleinen Leute« und auch »die Marginalisierten« sind bei den aktuellen Protesten kaum vertreten. Stattdessen demonstrierten »Bürger gegen Bürger«, eine soziale Schicht mit denselben materiellen und geistigen Ressourcen trägt ihre Konflikte untereinander aus. Schwächere Teile der Gesellschaft würden in dieser »Partizipationsdemokratie« weiter abgehängt, liefert Walter alle jenen Futter, die deshalb Volksentscheide skeptisch sehen.

Initiiert wurde die Studie vom Ölkonzern BP, der selbst regelmäßig Ziel von Protesten ist. Für BP ist es Imagepflege, für die Wissenschaftler die Gelegenheit zu finanziell gut ausgestatteter Forschung. Wie es damit weitergeht, ist noch nicht endgültig entschieden. Die »Gesellschaftsstudie« sei jedoch als Serie angelegt, erklärte BP-Vorstand Michael Schmidt.

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