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Sexarbeiterrechte

Ballhaus Ost: Performance-Projekt »What's Left/ Was übrig bleibt«

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600 Bordelle gibt es in Berlin. Einen Teil davon hat die Regisseurin Aurora Kellermann bei ihren Recherchen über die Arbeit von Prostituierten aufgesucht. Als ein Ergebnis dieser Recherchen ist ein großer pinkfarbener Teppich entstanden, auf dem der Plan der Berliner Innenstadt markiert ist. An sehr vielen Stellen drängen Stelen in die Höhe, die von einer offenen Hand gekrönt werden. Jede Stele steht für ein reales Bordell im Stadtraum.

Da schluckt Mann zunächst. Frau sicher auch. Die von Catia Gatelli gefertigte Installation, die Teil des Performance-Projekts »What's Left/ Was übrig bleibt« ist, wirft Licht auf einen Unternehmenszweig, der in den bunten Statistiken von IHK, Wirtschaftsverwaltung und visitberlin eher nicht auftaucht. Den visuellen Eindruck der Bordell-Landschaft kann man durch Interviews mit Sex-Arbeiterinnen vertiefen. Kellermann hat diese Interviews in den vergangenen Monaten geführt. Sie erzählt im Gespräch mit »nd«, dass die Kontaktaufnahme zunächst sehr schwer gewesen sei. Frauen, die sich prostituieren, wollten zunächst nicht mir ihr reden. »Es hat sich dann erst über einen Kontakt mit Hydra und dem Hurenstammtisch realisieren lassen«, sagt Kellermann. Hydra ist eine seit 30 Jahren in Berlin ansässige Interessenvertretung von Sexarbeiterinnen.

Dass Kellermann auf der Straße wenig Erfolg bei ihrer Akquise hatte, kann Liad Hussein Kantorowicz gut nachvollziehen. »Sexarbeit selbst ist das geringste Problem, das die meisten Frauen haben. Viel einschneidender ist die Angst vor der deutschen Bürokratie, davor, dass man ausgewiesen wird«, erklärt die israelische Performerin das Misstrauen bei Kontaktaufnahmen. Sie, eine frühere Journalistin und Studentin für Gender Studien und Geschichte des Nahen Ostens, ist selbst als Prostituierte tätig. »Als ich in Kreuzberg in einer Bar angefangen habe zu arbeiten, da waren die Räume schlecht und der Boss mies. Aber das schlimmste war, bei einer Polizeikontrolle immer weglaufen zu müssen, wenn man keine Arbeitserlaubnis hat«, erzählt sie. 80 Prozent aller Prostituierten in Berlin, viele aus Osteuropa, hätten dieses Problem, meint Liad. Sie engagiert sich seit einigen Jahren als Sexarbeiterrechtsaktivistin und hat den Terminus »Sexarbeit« überhaupt erst in Israel eingeführt. In Berlin lebt sie seit einigen Jahren. Sie ist hier auch als Künstlerin tätig und hat u.a. an der letztjährigen Ausgabe des Medienkunstfestivals Transmediale teilgenommen. In »Watch me Work« gab sie Einblicke in den Alltag einer Frau vor den Kameras einer Sex-Chat-Seite im Internet. Es ging um technische Aspekte, aber auch die eher banalen Dinge, mit denen sich ein Model beschäftigt, während sich das begehrende Auge des Kunden mit Hilfe der Technologie an ihren Körper heftet.

Alltagsaspekte sind Teil der Performance, die Kantorowicz und ihre Partnerin Anita Groschen im Rahmen von »Was übrig bleibt« gemeinsam mit Kellermann in einem zweiten Raum des Ballhaus Ost entwickelt haben. Wichtig ist den Frauen dabei, den Denkknoten aufzulösen, der Sexarbeit ganz automatisch mit sexueller Gewalt verknüpft. »Wenn auf Huren die grässlichsten Vorstellungen von sexueller Gewalt projiziert werden, dann speist sich das doch eher aus den geheimen Wünschen desjenigen, der das denkt, als aus der Realität der Prostituierten selbst«, meint Groschen, die sich in ihrem Weihnachtsurlaub u.a. mit Lektüre des Macht- und Begehren-Analytikers Michel Foucault auf die Produktion vorbereitet hat.

Auch bei Hydra, der Interessenvertretung der Prostituierten, kann man die Forderung nach einer »Trennung von Sexarbeit einerseits und sexueller Gewalt, Ausbeutung und Frauenhandel andererseits« nachlesen. »Prostitution ist ein Job - Frauenhandel und sexuelle Gewalt sind Verbrechen. Dass diese Verknüpfung in der öffentlichen Debatte immer hergestellt wird, ist Teil des Problems, nicht Teil der Lösung: So wird verhindert, dass Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter als eigenständige Akteure wahrgenommen werden und die ihnen zustehenden Rechte bekommen«, heißt es weiter.

Ganz praktisch sinniert Kantorowicz: »Für viele Tätigkeiten, die ich ausgeübt habe, kann ich im Lebenslauf Fähigkeiten und Fertigkeiten angeben. Doch was ist, wenn ich jetzt als Berufserfahrung notiere: Menschenkenntnis, Führungsqualitäten und Multitasking?«, fragt sie - und löst ein kurzes überraschtes Lachen aus.

Idealisieren will Kellermann das Berufsbild der Prostituierten nicht. »Ich habe mit einer Aussteigerin gesprochen. Sie hat mir gesagt, sie hätte dabei ihre Seele verkauft«, erzählt die Regisseurin im Gespräch mit »nd«. Sie konstatiert, dass sie im Laufe ihrer Beschäftigung mit dem Thema bei sich selbst auf Vorurteile gestoßen sei, von denen sie niemals gedacht hätte, sie zu haben.

»Was übrig bleibt« ist ein Vorstoß in teils unbekanntes, teils heftig vermintes Gelände. Es ist ein Vorstoß, der in einer Stadt, die von ihrem obersten Repräsentanten gern als »arm, aber sexy« bezeichnet wird, allerdings längst überfällig ist. Gefördert wird die Arbeit übrigens vom italienischen Kulturministerium. Kellermann stammt aus Mailand.

Bis 3. 2., 20 Uhr, Ballhaus Ost

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