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Genie der Arbeit

Mesut Özil überragt beim ersten deutschen Sieg seit 25 Jahren gegen Frankreich

  • Von Johannes Ehrmann, Paris
  • Lesedauer: 3 Min.

Eine knappe halbe Stunde vor dem Anpfiff wollten die Veranstalter im noch halbleeren Stade de France schon mal die Stimmung testen. Der Stadionsprecher forderte die Tribünen also einzeln zum Krachmachen auf, doch beim anschließenden Radau wurde man den Verdacht nicht los, dass noch etwas Zusatzatmosphäre vom Band kam. Kurz nach Anpfiff war die Arena dann doch fast voll, von nun an waren künstliche Maßnahmen nicht mehr erforderlich. Immer häufiger lief ein langgezogenes Raunen durch die Ränge, wenn die 75 000 Zuschauer bang die nächsten Aktionen der deutschen Nummer acht erwarteten. Mesut Özil prägte dieses Spiel mit Spielkunst und Fleiß.


Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat wieder einmal gegen Frankreich gewonnen, das erste Mal seit über 25 Jahren – soweit die Fakten. Ein hübscher Erfolg der Marke »historisch« also, den Joachim Löws Spieler gleich zu Beginn des Länderspieljahres 2013 eingefahren haben. Mehr noch als das bloße Ergebnis, dieses 2:1 durch Tore von Thomas Müller und Sami Khedira, rang jedoch das Auftreten des DFB-Teams den Franzosen Respekt ab: »Deutschstunde«, titelte am Donnerstag »L'Équipe«.
Die Gäste hatten trotz einiger Ausfälle gerade im kreativen Bereich mutig mitgespielt, sich auf einen offensiven Schlagabtausch eingelassen und es geschafft, die exzellente französische Technikabteilung um Bayern Münchens Franck Ribéry, den Torschützen Mathieu Valbuena und Karim Benzema noch zu überbieten.

Von Superlativen vor allem in Bezug auf Özil wimmelte dann nicht nur die Spielananalyse von Frankreichs Trainer Didier Deschamps, sondern auch der Kommentar seines deutschen Kollegen Joachim Löw: »Mesut Özil ist ein überragender Fußballer, der für uns und seinen Verein schon seit zwei, drei Jahren auf einem Riesenniveau spielt. Er hat bei allem, was er macht, eine gute Lösung.«
Der 24 Jahre alte deutsche Spielmacher trieb die Franzosen mit seinen Finten schier zur Verzweiflung, seine grandiose Leistung gipfelte im zentimetergenauen scharfen Zuspiel auf seinen Teamkollegen von Real Madrid, Sami Khedira, vor dem zweiten Tor. Löw wollte bei all der Lobhudelei für das Kreativgenie Özil jedoch auch nicht den harten Arbeiter Özil unter den Tisch fallen lassen: »Was man oft nicht so sieht, sind seine immensen Laufwege.«

Als Erkenntnis darf der Bundestrainer aus diesem Abend in der französischen Hauptstadt außerdem mitnehmen, dass es nicht mal eines einzigen Stürmers bedarf, um Gefahr zu entwickeln. Denn ab der 57. Minute, als Toni Kroos den gänzlich unbeteiligten Mario Gomez ersetzte, spielte das deutsche Team quasi das spanische Modell, in dem Özil in vorderster Linie eine Art hängende Spitze oder »falsche Neun« gab, wie es im Taktiksprech heißt. »Damit kamen die Franzosen nicht so zurecht«, freute sich Löw über seinen geglückten Schachzug, »da haben sie etwas den Überblick und die Zuordnung verloren.« So war es. Im neuen System preschte plötzlich der Sechser Khedira in die Spitze, wurde vom spielmachenden Stürmer Özil angespielt und traf zum Sieg.

Was bleibt? Es war, trotz allem, nur ein Freundschaftsspiel. Das weiß natürlich auch Joachim Löw. Er gehe davon aus, dass die Franzosen durchaus auch bei der WM in Brasilien ein paar Spiele absolvieren würden, schloss Löw seine Ausführungen. Und dann huschte kurz ein Grinsen über sein Gesicht. Ein bisschen freute er sich sicher über sein feines Understatement, ein bisschen sicher aber auch über diesen hübschen Abend in Paris.

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