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Die Ästhetik des Kampfes

»The Grandmaster« eröffnete die Berlinale

Es regnet. Es schneit. Die Jahreszeiten spielen eine heimliche Hauptrolle. Wasser vermischt sich mit Blut, die Tropfen platzen, wenn sie auf den Boden aufschlagen kurz nach dem fallenden Körper. Es wird gekämpft. Immer und - fast - überall. Warum eigentlich? So zu fragen, hieße ein völliges Unverständnis gegenüber jener mythischen Bilderwelt zu offenbaren, die »The Grandmaster« wie ein Tableau ausbreitet.

Es ist ein Epos, in dem sich die mythische Gewalt aufeinanderprallender Leiber mit der sublimen Technik des Kung-Fu mischt. Irgendwie wirkt es wie Homers »Ilias«, durch die Augen von Ernst Jünger gesehen. Also immer sehr präzise, aber auch distanziert, überaus kalt und dabei doch bis an die Grenze des Kitsches gehend. Eine einzige Stilisierung. Entweder man lässt sich auf diese Art der Wirklichkeitsschau ein oder nicht - dazwischen ist wenig denkbar.

Auch dieser neue Wong-Kar-Wai-Film schafft eine eigene Welt. Wieder scheint sie aus Traum und Präzision gearbeitet. Der außer Konkurrenz laufende Eröffnungsfilm des Berlinale-Wettbewerbs ist zugleich die Vorstellung des neuesten Werks des diesjährigen Jury-Präsidenten. 1958 in Shanghai geboren, gilt er als der wohl wichtigste Regisseur des berühmten Hongkong-Kinos. Es ist westlich und östlich zugleich. Goethe hätte an solch Diwan seine Freude ebenso wie seinen Schrecken gehabt.

Die Filme dieses Regisseurs können misslingen, aber man vergisst sie dennoch nicht. Er arbeitet eher langsam, die Melancholie wird zu einem seiner wichtigsten Ausdrucksmittel. Wer »In the Mood for Love« (2000) gesehen hat, weiß, was ich meine. Die Zeit der Liebe ist vor allem eins: unendliche Verlangsamung, fast schon ewiger Stillstand. Dass dieser nie ganz gelingt, dass sich die Menschen dennoch mit der Zeit verändern (meist nicht zu ihrem Vorteil), muss Wong Kar Wai schmerzen. Und die Zeit der Liebe meint noch etwas anderes: die Entdeckung der Musik, die mehr ist als der Schlager des Tages: jene Sphärenmusik, die die Welt zusammenhält. Was kann erfüllender sein, als ihr nachzulauschen?

Wong Kar Wai drehte 2004 unter dem Titel »2046« eine Fortsetzung von »In the Mood for Love«. Ein Science-Fiction-Film, den ich schlicht nicht verstanden habe. Kann passieren, ambitioniert war er auf jeden Fall. Und 2007 kam »My Blueberry Nights« in die Kinos, ein nächtliches Roadmovie mit Norah Jones. Welche Sorte Kuchen bleibt jeden Morgen in einem Nachtcafé übrig - und was sagt uns das über unerfüllte Sehnsüchte? Den Film sah ich zwei Mal. Das erste Mal war ich bis zur Langeweile enttäuscht, beim zweiten Mal von der unnachahmlich filigranen Fantasie dieses Regisseurs fasziniert. So geht das einem mit Wong Kar Wai. Man weiß nie, wie es hier und heute ausgeht.

Und nun »The Grandmaster«. Eine Parabel auf Philosophie und Sport, westlich gesprochen. Das östliche Denken kennt diese Trennung nicht. Der Eros des Kampfes gräbt sich dem Körper ein. Ich denke an Jack Londons »Ruhm des Kämpfers«, das trifft es, aber doch auch nur halb. Denn Wong Kar Wai ist immer zuerst ein Epiker des Kinos, der für ein in sich vollkommenes Bild auch das Gegenteil dessen, was im Drehbuch geschrieben steht, in Szene setzen würde. So einem ist nicht zu trauen. Soll man auch gar nicht. Denn seine Kunst wird zu einem gefährlichen Tanz auf dem Eis.

Worum also geht es in »The Grandmaster«? Um nicht weniger als die Einheit von Ich und Welt. Um das Siegen und Verlieren, das Abtreten-Müssen, wenn die Zeit gekommen ist. Die Kunst, aufzuhören. Man kann nicht immer nur nach vorn leben, man muss auch zurückschauen, um zu verstehen, was aus einem geworden ist. Wollte man den bösen Blick auf Wong Kar Wai proben, was für Momente erlaubt sein muss, dann darf man den Verdacht haben, er produziere in höchster Perfektion Hochglanzsequenzen, in denen der triste Alltag allzu erhaben und schön vor uns steht. Was ist das Kriterium, das es an diese Art von zelebriertem Ästhetizismus anzulegen gilt? Vermutlich, ob uns das Gezeigte nahe kommt. Und da fällt die Antwort für mich eindeutig aus: Ja, es zieht einen mit Macht hinein in den Bildstrudel von »The Grandmaster«.

Ort der Handlung: Anfangs das chinesische Forshan 1936 kurz vor der blutigen Invasion durch die Japaner, später Hongkong. Dem Land droht die Teilung und hier setzt »The Grandmaster« an. Zwei Kung-Fu-Meister, aus dem Norden und dem Süden, stehen plötzlich vor der Lebensfrage, ob sie mehr trennt oder mehr verbindet. Und das scheint die eigentliche Botschaft Wong Kar Wais zu sein: Lebt nicht gedächtnislos, erinnert euch an das, was man euch mitgab. Was ihr vergesst, ob eine Geschichte oder ein Lied, es bleibt vergessen für immer.

Das ist der Kampf, um den es in »The Grandmaster« eigentlich geht. Man kann es auch mit den beiden Schlüsselworten des Films sagen: Horizontale und Vertikale gehören in eine Balance. Das im Leben zu schaffen aber erfordert mehr als Kampf, es ist Kunst.

Seit zehn Jahren trägt Wong Kar Wai dieses Projekt eines philosophischen Kampfsportfilms mit sich herum. Vier Jahre dauerten die Dreharbeiten des Perfektionisten mit seinen Schauspielern. Die mussten dafür Kung-Fu lernen, achtzehn Monate lang, täglich fünf Stunden. Es sieht dann auch sehr überzeugend aus, wie die Leiber scheinbar die Schwerkraft zurücklassen und über dem Boden zu tanzen beginnen. Vergessen, dass sich Wong Kar Wais Lieblingsschauspieler Tony Leung als Meister Ip beim Dreh den Unterarm brach, nicht nur einmal, sondern nach schlechter Heilung gleich noch ein zweites Mal. Als sie bereits einiges an Szenen in Regen, Schnee und Sturm gedreht hatten, entschied der Regisseur, dass sein Hauptdarsteller noch viel wirkungsvoller sein würde, wenn er einen weißen Hut trage. Also alles auf Anfang.

Die schöne Zhang Ziyi ist die Erbin der Technik der 64 Hände. Eigentlich ist es ihre Reise, die einer Frau zwischen den Zeiten. Die Traditionen des alten China trägt sie mit sich, doch irgendwann verlernt auch sie, was sie einmal konnte. Aber immer gibt es jemanden, der den Staffelstab aufnimmt - so die Utopie von »The Grandmaster«.

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