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Die Ökonomie der Armen

Ein neues Buch über die Wirtschaft im Kleinen

Wenn Ökonomen über Armut schreiben, ist Vorsicht angebracht. Lange Zeit waren die Armen vor allem statistisches Material. Selbst befragt wurden sie selten. In ihrem neuen Buch gehen die beiden Entwicklungsökonomen Abijith Banerjee und Esther Duflo einen anderen Weg. Sie konzentrieren sich auf die Mikroebene, reden nicht nur über, sondern auch mit den Armen - vor allem über ihr Kaufverhalten.

In einem abgelegenen Dorf in Marokko erzählt ihnen ein Kleinbauer, dass er gerne mehr und bessere Lebensmittel kaufen würde. »Wir hatten großes Mitleid mit ihm und seiner Familie«, schreiben die beiden Entwicklungsökonomen. Bis sie einen Fernseher, einen DVD-Spieler und eine Satellitenantenne entdeckten. Sie fragten den Bauern, warum er all diese Dinge gekauft habe, wenn er glaube, seine Familie habe nicht genug zu essen. Er habe gelacht und geantwortet: »Ach, Fernsehen ist wichtiger als Essen!«.

Banerjee und Duflo wollten ihre Protagonisten verstehen. Nach einigen Tagen im Dorf kam ihnen die Erkenntnis: Das Leben dort ist zu langweilig, deshalb ziehen Arme es vor, fern zu sehen statt ausreichend zu essen. Oder in Indien: In dem von ihnen untersuchten Dorf gaben selbst die Ärmsten 14 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für geistliche oder weltliche Feiern aus. »Das menschliche Grundbedürfnis nach ein paar Vergnügungen könnte erklären, warum die Ausgaben für Nahrungsmittel in Indien zurückgegangen sind«, so die Autoren.

Eine Binsenweisheit: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Aber heißt das, wie von den Entwicklungsökonomen nahegelegt, dass viele der eine Milliarde Hungernden auf der Welt eigentlich gar keinen Hunger leiden müssten, wenn sie nur andere Prioritäten setzten? Oder hat - Beispiel Indien - vielmehr der neue Reichtum der indischen Ober- und Mittelschicht zur weiteren Verarmung der Bevölkerungsmehrheit geführt?

Darauf geben die Autoren, die sich an vielen Stellen des Buches in psychologischen Deutungen über die Entscheidungsfindungen der Armen versuchen, keine Antwort. Sie beschäftigen sich zwar ausführlich mit der Mikroebene, haben aber die Makroebene fast gänzlich aus dem Blick verloren. Privatisierung der öffentlichen Daseinsvorsorge, Globalisierung und Exportorientierung, Finanzmarktspekulationen, Ausbeutung der Arbeit, Vertreibung und Verschuldung finden bei Banerjee und Duflo als Ursachen der Armut keine Erwähnung. Statt dessen bemühen sie die umstrittene These von der Überbevölkerung. Zudem schwören beide Ökonomen bei der Armutsbekämpfung auf Mikrokredite, denen sie sich ausführlich in ihrem Buch widmen.

Den empirischen Beweis für ihre These bleiben sie allerdings schuldig: Die soziale Wirksamkeit der Mikrokredite, das sagt ihre Vergleichsstudie, sei nicht messbar, weder bei der Gesundheitsversorgung, noch bei der Bildung.

Sie stilisieren sogar den Konsumverzicht zur Tugend. Banerjee und Duflo loben ausdrücklich die disziplinierende Wirkung der Mikrofinanz auf die Armen. Die Mikrokreditempfänger in Hyderabad hätten auf Snacks - in Indien salzige Teigwaren, die als Zwischenmahlzeit während eines harten Arbeitstages dienen - und süßen Tee verzichtet, um ihre Kreditraten zu zahlen. Wer den Armen der Welt schon immer sagen wollte, wie sie sich am besten helfen können, kann sicherlich auch die Begeisterung der beiden Autoren über die »Gute Nachricht« am Ende des Buches teilen. Veränderungen ließen sich herbeiführen.

Abhijit Banerjee, Esther Duflo, »Poor Economics - Plädoyer für ein neues Verständnis von Armut«, Knaus Verlag, 22,99 Euro

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