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»Die sind am Ende«

Traumaexperte Georg Pieper über die psychischen Folgen der Rezession in Griechenland

Georg Pieper ist Psychologe und auf die Traumatherapie spezialisiert. Mit ihm sprach »nd«-Redakteur Simon Poelchau.

nd: Herr Pieper, Sie waren vor kurzem in Griechenland ...
Pieper: Ja. Ich habe dort meine Kollegen geschult.

Was haben Sie da gesehen?
Ich musste erst einmal Mal feststellen, dass meine Kollegen selber auch in einem ziemlich depressiven Zustand waren.

Warum ging es ihren Kollegen nicht gut?
Zunächst geht es ihnen auf Grund ihrer eigenen ökonomischen Situation schlechter. Sie haben alle
Gehaltseinbußen von etwa 50 Prozent. Zudem sind sie mit sehr viel Leid und Elend konfrontiert, dass sie von ihren Patienten hören.

Wie belastet die Krise in Griechenland die Menschen psychisch?
Der Bevölkerung geht es insgesamt immer schlechter und es entstehen immer mehr psychische Krankheiten, die oft nicht behandelt werden, weil die Menschen kein Geld haben, ihren Psychiater zu bezahlen.

Was passiert kranken Menschen, die kein Geld haben?
Wenn sie Glück haben, treffen sie auf einen human eingestellten Therapeuten, der sie für ein Bruchteil der eigentlichen Kosten behandelt. Bei einem Kollegen von mir führte das dazu, dass er seine Wohnung auflösen musste und jetzt in der Praxis wohnt.

Und was ist mit den psychisch Kranken, die so ein Glück nicht haben?
Viele in Griechenland werden nicht behandelt. Das heißt, dass ihre psychische Leiden schlimmer und schlimmer werden. Wenn diese Krankheiten unbehandelt bleiben, dann muss man damit rechnen, dass Probleme wie Alkohol- und Drogenmissbrauch zunehmen.

Wer ist in Griechenland am meisten von psychischen Problemen betroffen?
Die Krise in Griechenland ist vor allem eine Krise der Männer. Sie holen sich ihr Selbstwertgefühl sehr stark über die Arbeit und wenn sie diese verlieren, fallen sie schneller in ein psychisches Loch als die Frauen. Ein weiteres männliches Problem ist die Gewalt.

Inwiefern?
Bei Männern äußert sich die Krise häufig in gewalttätigerem Verhalten. Insofern wird die griechische Gesellschaft als Ganzes auch gewalttätiger.

Führt die Krise zu Traumata in der griechischen Bevölkerung?
Ich bin eigentlich dafür, den Begriff »Trauma« nur unter sehr strengen Regeln zu verwenden. Doch immer häufiger trifft das auch auf Griechen zu. Weil die Suizidrate zugenommen hat, sind viele Familien dadurch traumatisiert, dass sich ein Familienmitglied aus Verzweiflung umgebracht hat. Aber auch die sonstige Hoffnungslosigkeit der Menschen birgt viel Zündstoff in der Gesellschaft.

Worin liegt dieser Zündstoff für die Gesellschaft?
Es ist eine schwer auszuhaltende Mischung aus Verzweiflung über die eigene Lage und Wut auf die reichen Griechen. Denn noch immer gibt es in Griechenland einige wenige Menschen, die es schaffen, an der Steuer vorbei viel Geld zu verdienen und so tun, als ob es die Krise überhaupt nicht gäbe. Das ist eine hochexplosive Mischung, die irgendwann zu einer Explosion führen wird.

Sie sind durch Ihre internationale Arbeit auch über andere Katastrophen sehr gut informiert. Etwa über den Amoklauf in Oslo im Sommer 2011 ...
Nach der Katastrophe in Oslo hat der Staat und die übrige Gesellschaft den Menschen geholfen, die von dem Unglück betroffen waren. Das ist unglaublich wichtig, um ein solches Trauma zu überwinden.

Und in Griechenland?
In Griechenland ist genau das Gegenteil der Fall. Der Staat unterstützt die Menschen dort überhaupt nicht. Stattdessen fühlt sich die Bevölkerung von ihm ausgesaugt und verraten. Sie haben keinerlei Vertrauen mehr in den Staat. Denn die meisten Griechen haben immer ehrlich gearbeitet und Steuern bezahlt. Die verdienen heute nur noch die Hälfte und müssen das Doppelte und Dreifache an Steuern zahlen. Also die sind am Ende.

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