Werbung

»Entweder Foltern oder unsere Software einsetzen«

Unternehmen, die Überwachungstechnologie verkaufen, wissen genau, wozu ihre Produkte eingesetzt werden

nd: Seit wann gibt es ein gesteigertes Interesse an Überwachungstechnologien und einen Markt dafür ?
King: Seit sechs bis sieben Jahren beobachten wir einen wachsenden Markt. Aber bis vor etwa zweieinhalb Jahren wollte kein Mensch etwas über dieses Thema wissen. Es war schwierig, Journalisten dafür zu interessieren oder Spenden dafür zu gewinnen. Das änderte sich schlagartig durch den arabischen Frühling.

Um den Export von Überwachungstechnologien zu kontrollieren, muss man wissen, welche Firmen welche Produkte anbieten und wer die Kunden sind. Wie haben Sie das herausgefunden?
Wir besuchten Messen für Rüstungsgüter. Das ist nicht einfach, der Zugang ist reglementiert. Die große Zahl von Firmen, die dort ganz offen Überwachungstechnologien präsentierten, überraschte uns. Diese Firmen sprechen teilweise ganz gezielt repressive Regime an. Die Geheimdienste dieser Länder sind deren Kunden - und Geheimdienste lassen sich bekanntlich nicht gerne in die Karten schauen.

Was haben Sie auf den Messen gesehen?
Beispielsweise warb eine Firma für ein Produkt, mit dem sich Passworte herausfinden lassen. Auf deren Plakat waren Folterinstrumente abgebildet, darunter stand: »Entweder Foltern oder unsere Software einsetzen.« Die wissen, wie und wo ihre Produkte verwendet werden und welche Praktiken damit verbunden sind.

Wie ist Privacy International bei der weiteren Recherche vorgegangen?
Faktisch untersuchen wir die Arbeit von Geheimdiensten, und die haben natürlich überhaupt kein Interesse daran, irgendetwas offenzulegen. Informationen dazu kann man nicht bei Google finden. Wir beschafften uns zunächst auf den Messen Informationsmaterial. Nachdem wir wussten, um welche Firmen es sich handelt, haben wir untersucht, in welchen Ländern sie auf Messen ausstellen und Vertretungen haben. So bekamen wir ein Bild davon, in welchen Ländern die Software eingesetzt wird. Es ist uns auch gelungen, eine Anleitung für die Software zu bekommen.

Sie untersuchten auch, wie die Software funktioniert. Wie haben Sie diese in die Hände bekommen?
Wir haben den Computer eines Dissidenten erhalten, der mit dem Trojaner FinFisher der Firma Gamma International infiziert wurde. So konnten wir diese Software analysieren. Handys, insbesondere Smartphones, sind genauso betroffen wie PCs.

Welche Rolle spielt die Firma Gamma mit ihrem Produkt FinFisher auf dem Markt? Wie groß ist der Markt?
Das Marktforschungsunternehmen Bloomberg schätzt das weltweite Marktvolumen für Überwachungstechnologien auf eine halbe Milliarde US-Dollar bei einer jährlichen Wachstumsrate von 20 Prozent. Die Umsatzzahlen Gammas kennen wir nicht. Das Unternehmen hat schätzungsweise knapp 200 Mitarbeiter. Die Konkurrenten sind kleiner, soweit wir wissen.

Was kostet die Software FinFisher, und wie ist Gamma in den Betrieb der Software involviert?
Wir schätzen, dass eine Lizenz zwischen 300 000 und 500 000 Euro kostet. Das ist etwa ein Sechstel eines Panzers, wovon die meisten Länder eine ganze Flotte haben. Die Lizenzierung erfolgt nach Anzahl der zu überwachenden Personen. Gamma weiß also, wie viele Bürger eines Landes die Regierung überwacht. Die Software kann Hunderttausende Personen gleichzeitig ausspionieren. Natürlich versorgt Gamma seine Kunden auch mit Updates.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser:innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede:n Interessierte:n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor:in, Redakteur:in, Techniker:in oder Verlagsmitarbeiter:in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung