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Tunesien schwankt

Roland Etzel über die Massenproteste in Tunesien

Ägyptens Muslimbrüder haben mit ihrem Kurs der Re-Islamisierung einen großen Stein ins Wasser geworfen. Dessen Wellen versetzten die Grundpfeiler des sich gerade herausbildenden neuen Gesellschaftsgefüges nicht nur in temporäre Schwankungen, sondern lösten ein politisches Erdbeben aus, das noch immer anhält. Wenn aber das Zentrum der arabischen Nation vibriert, lassen die Ausläufer früher oder später auch der Nachbarn politische Gefüge erzittern, vor allem in den anderen Transitionsländern des sogenannten Arabischen Frühlings.

Nun also Tunesien. Dort allerdings überrascht die Heftigkeit, mit der ein politischer Mord nicht nur das betroffene linke Spektrum zum Kochen gebracht hat, sondern gleich die Regierung strauchelt. Warum? Zwei Ursachen sind denkbar. Erstens: Die Stabilität des Kabinetts war geringer, als es von außen schien; und zweitens: Der Regierungschef hat beim Crash etwas nachgeholfen.

Für Letzteres spricht etwas mehr. Ministerpräsident Jebali hat in seiner einjährigen Amtszeit niemals erkennen lassen, dass ihm, obwohl der islamischen Partei Ennahda zugehörig, etwa - wie regierenden Glaubensbrüdern anderenorts - der Sinn nach Re-Implantierung mittelalterlicher Rechtsvorschriften steht. Aber andere in seinem Kabinett dachten wohl so, und deren radikal-islamische Anschauungen mögen die Mörder zumindest ermutigt haben. Jebali sieht wohl eine Gelegenheit, diese loszuwerden. Das aber könnte ihn selbst zu Fall bringen.

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