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Ein Haus für die Kinder von Sibiu

Jenny Rasche aus Stapelburg am Harz versucht in Rumänien zu helfen - weil sie dafür viel vor Ort ist, hat sie jetzt Probleme

  • Von Uwe Kraus, Stapelburg
  • Lesedauer: 5 Min.

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Eigentlich ist sie ein Medienstar; Deutsche Regionalzeitungen und der MDR berichten über sie ebenso wie die »Siebenbürgische Zeitung«: Jenny Rasche, 29 Jahre alt, aus Stapelburg am Harz in Sachsen-Anhalt. Roma-Kinder veränderten ihr Leben, nun will sie deren Leben verändern. Sie gilt als Motor der »Kinderhilfe für Siebenbürgen«.

Schon als Kind hatte Jenny Rasche einen für ihr damaliges Alter ungewöhnlichen Berufswunsch: Sie wollte Entwicklungshelferin werden. Nach der 10. Klasse erlernte sie den Beruf eines Landwirts, danach absolvierte sie die Ausbildung als Sozialassistentin und erwarb die Fachhochschul-Reife. Als ihr erstes Kind das Licht der Welt erblickte, war sie 20. Ihre Bewerbungen für Entwicklungshilfe-Projekte scheiterten. 2003 gründete sie dann ihre eigene Hilfsorganisation, sie nennt sie: »Kinderhilfe für Siebenbürgen e.V.« Als Jenny Rasche 2007 Botschafterin des »Verbundnetzes der Wärme« wird, dem Netzwerk zur Förderung gemeinnützigen Engagements in Deutschland, sagt sie: »Wir sind in der Lage, erstaunliche Dinge zu leisten. Allerdings wissen wir nur leider manchmal gar nichts davon.«

Unterwegs in den Hütten

Hilfstransporte und Aktionen wie »Weihnachten im Schuhkarton«, gut und schön, doch dort, wo Elend herrscht und Menschen in einem EU-Land auf Müllkippen Dinge fürs Überleben suchen, muss mehr passieren. Jenny Rasche reiste gen Südosten und betreut nun in Rumänien Hilfsprojekte für Roma-Kinder. Und sie studiert an der Lucian-Blaga-Universität in Sibiu Protestantische Theologie und Sozialwissenschaft. Vater Hilmar, ein LINKER und Bürgermeister von Stapelburg, hielt das zunächst für eine nicht so gute Idee seiner Tochter - mit Kindern in einem fremden Land unter unsäglichen Lebensbedingungen Hilfe zu leisten. Doch heute koordiniert er die Transporte nach Rumänien, kümmert sich um Sachspenden und räumt dafür schon mal seine beiden Garagen leer. Mutter Helga ist Koordinatorin des Vereins und dessen Buchhalterin, die große Schwester Susanne wirbt Spenden ein.

Runde 10 000 Euro monatlich kostet mittlerweile die private Kinderhilfe im rumänischen Siebenbürgen. Jenny eröffnete zunächst ein Schulprojekt in der Schule von Sura Mare. 2011 gelang es ihr, in Sibiu ein Haus zu mieten. Dort betreut sie Kinder aus ärmsten Verhältnissen, der Großteil von ihnen sind Roma-Kinder. Konzipiert war das Kinderhaus für 35 Kinder, unterdessen kommen über 50 Kinder täglich.

Der Verein aus Stapelburg stellte Lehrer an, die den Kindern nachmittags bei den Hausaufgaben helfen, um Defizite des Unterrichts auszugleichen. Im Bildungsprojekt bekommt jedes Kind warmes Essen, oft die einzige richtige Mahlzeit am Tag. Jenny Rasches Wort hat hier Gewicht, »Generalin« nennen die Menschen sie wertschätzend. Sie gibt Hilfe, Zuspruch, Wärme, kann aber auch ein »harter Hund« sein, wenn es um das Wohl der Kinder geht, die oft am Rande solcher vergleichsweise reichen Städte wie Sibiu leben.

Dort ist sie oft in den ärmlichen Hütten der Roma unterwegs; neben ihrem Studium, zusätzlich zum eigenen Familienleben. Im Sommer 2012 hat die Mutter von inzwischen drei Kindern - Damian, Kaschka, und der kleine Lee - ihren Phillip geheiratet, zum Haushalt gehören noch zwei Roma-Jungen, die die Familie aufgenommen hat. Ihre Professoren sagen: sie sei keine schlechte Studentin. Doch sie sorgen sich, dass der Kräfte zehrende Einsatz sie aufreibt. Bafög kommt aus Deutschland, ihr Mann bekommt ein kleines Gehalt, das von einer Schweizer Stiftung befristet übernommen wird.

Der Verein hat ein gutes Netzwerk aufgebaut. Zum Beispiel hat der Lionsclub Seesen-Osterode auf der westlichen Seite des Harzes schon öfter einen Scheck überreicht, Kirchengemeinden bitten um Unterstützung für Siebenbürgen. »Ich weiß: So etwas wie Jenny Rasche, das kann wirklich nicht jeder. Aber jeder kann Jenny Rasche helfen«, meint Pfarrer Stefan Domke aus Hohenthurm bei Halle. Spender waren es auch, die ermöglichten, dass die »Entwicklungshelferin in Teilzeit« einmal im Jahr mit den Kindern aus Rumänien Ferien im Harz verbringen konnte. Zum diesjährigen Vereinsjubiläum fahren sie jedoch aus Sibiu ans Schwarze Meer in ein Ferienlager, auch weil es finanziell deutlich günstiger sei.

Irgendwann zitierte eine Zeitung Jenny Rasche mit den Worten: »Ich kann da nicht mehr weg. Niemals.« Vielleicht ist es dieses Zitat, das die Familie nun in Bedrängnis bringt. Denn die deutsche Bürokratie reagierte. Erhielt die junge Familie bis November 2010 für die eigenen drei Kinder Kindergeld, wurde dieses ihr gestrichen. Noch schlimmer, es soll für elf Monate zurückgezahlt werden, weil die Studentin sich mit dem Nachwuchs nicht mindestens fünf Monate im Jahr in ihrem Herkunftsland aufhält.

558 Euro im Monat fehlen

Dabei zählt weder, dass ihr Hauptwohnsitz Stapelburg ist, noch dass sie in Deutschland steuerlich unbegrenzt veranlagt wird, die Krankenversicherung über die AOK in Deutschland erfolgt und für ihre Tätigkeit ein befristeter Entsendevertrag vom Verein vorliegt. Es zählt auch nicht, dass sie durch ihr Studium nur in den Semesterferien nach Deutschland kommen kann. Hilmar Rasche rechnet vor: »Für die drei Kinder werden meiner Tochter monatlich 558 Euro vorenthalten, die den Kleinen zustehen.«

Als Linkspartei-Chef Bernd Riexinger bei seiner Sommertour 2012 in Stapelburg Station machte, hörte er sich das Problem geduldig an. Er konnte bisher ebenso wenig etwas bewegen wie diverse Schreiben. Auch eine Wernigeröder Anwältin streitet bisher ergebnislos um das Kindergeld der Familie der Jenny Rasche.

Informationen unter: www.kinderhilfe-siebenbuergen.eu

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