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Märchenstunde am Samowar

1974 ein Geschenk der Sowjetunion: Die bei Menschen aus aller Welt beliebte »Tadshikische Teestube« in Berlin ist umgezogen

Gemütlich lümmeln die Gäste in den bunten Kissen.
Gemütlich lümmeln die Gäste in den bunten Kissen.

Beduinentee, Rauchtee, Karawanentee - im Kopf entstehen Bilder, doch eine Vorstellung von dem, was die Zunge erwartet, will sich nicht so richtig einstellen. Ein Fall für Franziska Schiffner. Seit sieben Jahren ist sie Teemeisterin in der »Tadshikischen Teestube« in Berlin. Sie weiß, was es mit den rund 30 Tees auf sich hat, die auf der Karte stehen, kennt den Unterschied zwischen grusinischer Mischung, Sencha aus Japan oder Keemuntee aus China. Während es sich die Gäste in weichen Kissen auf bunten Teppichen sitzend bequem gemacht und die Beine unter den fußbankniedrigen Tischen ausgestreckt haben, plaudert sie über Tee und macht die Entscheidung nicht unbedingt leichter. Bis am Nachbartisch ein Samowar aufgebaut wird, dazu Schälchen mit Zitronat, Orangeat, Fondant, verschiedene Zuckersorten, Rumrosinen, Marmelade und ein eisgekühlter Wodka. Das wollen wir auch! »Das ist die ›russische Teezeremonie‹«, erklärt Franzi. »Wir bieten sie so an, wie Alexander Puschkin sie beschrieben hat.« Ein bisschen vom starken Schwarzteesud ins Glas, kochendes Wasser aus dem Samowar dazu und dann in kleinen Schlückchen zusammen mit den Süßigkeiten genießen. Nasdarowje, Puschkin!

Während 100 Meter von den gemütlichen Kissen entfernt in der Oranienburger Straße das Leben tobt, vergisst man drinnen ganz schnell Zeit und Raum. Seit fast 40 Jahren gibt es die »Tadshikische Teestube« in Berlin. Ihre Geschichte begann 1974 auf der Leipziger Messe, wo sie den sowjetischen Pavillon schmückte. Nach der Messe machte die Sowjetunion die prachtvollen handgeschnitzten Säulen aus Sandelholz, die Tische, orientalischen Lampen, all die bunten Teppiche und Kissen und das Märchen aus elf gemalten, großflächigen Bildern der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft zum Geschenk. Die baute die Teestube in ihrem Sitz, dem Palais am Festungsgraben, 1976 original wieder auf und öffnete sie für jedermann. Schnell schlossen Berliner und Touristen sie ins Herz, kaum ein Reiseführer zwischen Japan, Amerika und Australien, in dem die Teestube nicht als Extratipp geführt wird. Bis April des vergangenen Jahres hatte sie ihren Sitz im Palais. Als großflächige Sanierungsarbeiten angekündigt wurden, geisterten Meldungen vom »Aus« der Legende durch die Boulevardpresse, und der Aufschrei war groß.

Doch die Betreiber, Olga Schöning und ihr Mann Aris Papageorgiou, dachten niemals daran, sie aufzugeben. Sie kauften der Stadt die Einrichtung ab und machten sich auf die Suche nach einem neuen Objekt. Es sollte an einem romantischen, ruhigen Ort, nicht weit weg vom Palais am Festungsgraben sein, und vor allem musste es etwa die gleiche Größe haben, damit Säulen und Deckenhölzer passen. Gefunden haben sie es in einer ehemaligen Galerie im Kunsthof in der Oranienburger Straße, acht Gehminuten vom Palais entfernt. Am 24. November des vergangenen Jahres konnten dort die ersten Gäste ihre Straßenschuhe ins Regal am Eingang stellen und es sich in den Kissen gemütlich machen. Vor allem viele Stammgäste, für die die Teestube seit Jahrzehnten so etwas wie ein zweites Zuhause ist, waren gespannt auf den neuen Raum und dann glücklich darüber, dass alles genau so aussieht wie immer. Auch am Angebot hat sich nichts geändert: Neben einer riesigen Auswahl an Tees kann man wie eh und je selbst gemachte Pelmeni, Blini, Piroggen, Borschtsch, Plow, eine Reispfanne mit Lammfleisch, Soljanka und andere Spezialitäten aus den Ländern der früheren Sowjetunion bekommen.

Und wie seit Jahrzehnten wird auch am neuen Standort jeden Montagabend zur »Märchenhaften Teestunde« eingeladen. Dann erzählen die »Berliner Märchenfrauen« Nina Korn und ihre Tochter Katja Popow orientalische und andere exotische Märchen und entführen die Zuhörer in fremde Welten. Die Veranstaltungen sind so beliebt, dass ohne Voranmeldung kaum ein Platz zu finden ist.

Olga Schöning und Aris Papageorgiou sind glücklich über das neue Domizil, es sei wie eine Oase mitten in Berlin. Gemeinsam mit den anderen Mietern des Kunsthofes - ein Laden rund um Salze der Welt, eine Keksmanufaktur, einem Geschäft, wo man sich Mode der 20er Jahre auf den Leib schneidern lassen kann, eine Handweberei und ein kunstgewerblicher Einrichtungsladen - planen sie im Hof ein Sommerfest am ersten Juniwochenende. Bereits im März erfüllt sich Aris einen langen Wunsch und öffnet in einem Gewölbekeller gleich neben der Teestube eine griechische Weinstube. »Ich will helfen, Vorurteile abzubauen und zeigen, dass in meiner Heimat wunderbare Weine produziert werden.« Spätestens dann werden wir die Landkarte ein wenig ändern - denn (zumindest in Berlin) liegt Griechenland demnächst gleich neben Tadshikistan.

Infos: Tadshikische Teestube, Oranienburger Str. 27 (Kunsthof), 10117 Berlin, E-Mail: info@tadshikische-teestube.de, www.tadshikische-teestube.de, geöffnet Mo-Fr ab 16 Uhr, Sa-So ab 12 Uhr, montags »Märchenhafte Teestunde«, Einlass 18.30 Uhr, Beginn 19.30, Preis: 9, erm. 6 € (unbedingt voranmelden)

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