Werbung

Millimeter-Weise

Thomas Ostermeier über das Lebenswerk und eine Wahrheit von Marx

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 7 Min.
THOMAS OSTERMEIER wurde 1968 in Soltau geboren, als Sohn eines Berufssoldaten und einer Verkäuferin. Er wuchs im niederbayerischen Landshut auf. Studium an der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« Berlin, danach erhob er die »Baracke« des Deutschen Theaters Berlin zum Wallfahrtsort: aufstörend raue Gegenwartsdramatik. Seit 1999 künstlerischer Leiter der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin. Einer der prägenden Regisseure des deutschsprachigen Theaters. Einige seiner Inszenierungen sind weltweit Kultereignisse. Ibsen oder Shakespeare bei Ostermeier: aggressive Zeitbezogenheit; das Gute, Schöne und Wahre im heftigen Clinch mit dem menschlichsten aller Schicksalsschläge: dem bürgerlichen Mittelmaß.
Thomas Ostermeier
Thomas Ostermeier

nd: Thomas Ostermeier, Sie sind erfolgreich - und dieser Erfolg wurde in vielen Jahren sehr vielen Skeptikern und Kritikern abgerungen. Macht solch Kampf, wenn man denn so gut kämpft wie Sie, irgendwann unanfechtbar?
Ostermeier: Anfechtbar bin ich immer, ich fechte mich ja selber ständig an.

Mit 43 erhielten Sie den Goldenen Löwen der Kunstbiennale von Venedig - fürs Lebenswerk. He, alter Mann!
Ich habe das Gefühl, noch lange nicht dort zu sein, wo wirklich etwas von dem zu spüren wäre, was mir als Ideal vom Theater vorschwebt.

Welches Ideal ist es denn?
Nach wie vor, gegen jeden Ansturm der Realität: das Ensemble, die Compagnie. Der Gedanke an diese Art des Miteinander befeuert mich, ja, ich kann sagen: Er befeuert mich ungebrochen.

Ungebrochener Idealismus - ist das verhängnisvoll deutsch?
Verzeihen Sie bitte, aber die Frage klingt verklemmt. Nur weil deutscher Idealismus historisch in ideologische Dogmatismen ausartete, wird beflissen beteuert, gar kein Ideal mehr zu haben.

Vorsorgend.
Vorsorgend? Doch höchstens in dem Sinne, dass man das natürliche Scheitern aller Lebens- und Kunstversuche aufs niedrigste Niveau drückt - um die Anpassung ans Marktgefüge zu begründen.

Sie blicken da lieber auf Europa als nur auf Deutschland?
Ja, auf das Theater bezogen, gibt es leuchtende Vorbilder - etwa Simon McBurney mit seinem Théatre Complicité oder Ariane Mnouchkine in Paris. Was Subventionen, staatlichen Halt betrifft, ist das deutsche Theater gewiss der Mercedes Benz unter Europas Bühnen, aber es gibt auch einen ungesunden Leistungsgedanken, der mürbt. Obwohl das deutsche Theater also mit seinen strukturellen, finanziellen Voraussetzungen bestens ausgerüstet ist, kriegt es den Ensemblegeist momentan nicht wirklich hin.

Was hilft?
Durchhalten. Das Wichtigste bei

der Arbeit heute ist das Vermeiden von Ironie, als einer Vorstufe von Zynismus. Es ist nicht gut, wenn man anfängt, sich ständig zu relativieren, nur weil die Verhältnisse bescheuert sind.

Hamlet: Bereit sein ist alles?
Auch wenn klar ist, es dauert alles eine Ewigkeit, muss man mit der Freude an die gemeinsame Arbeit gehen, als ob schon heute alles anders würde.

Alles?
Alles - das ist der unendlich kleine Millimeter Bewegung. Mit dieser Haltung haben wir es an der Schaubühne geschafft, aber wir sind mit vielen Arbeiten nicht da, wo wir hin wollten.

Wie gesagt: Den Preis fürs Lebenswerk haben Sie schon. Fühlen Sie, existenziell gesehen, Zeitnot?
Wir leben in einer verflucht fragmentarisierten Gesellschaft, in der bestimmte Worte schon wie Hilfeschreie klingen: Entschleunigung, Nachhaltigkeit. Gegen diese Raserei wünsche ich mir längere Zeiten der Versenkung in einen Stoff, längere Probenzeiten, eine längere Dauer, um mit Schauspielern etwas aufzubauen, das man Entwicklung nennen darf.

Entwicklung heißt?
Strukturen, in denen wir arbeiten, ständig in die Krise zu bringen.

In die Krise bringen, schön und gut. Aber Sie müssen auf Premieren hinarbeiten wie Politiker auf Wahlen, wie Manager auf andere Arten von Effizienz, wie Bundesligatrainer auf einen vorderen Tabellenplatz.
Lauter Elend zählen Sie da auf, und ich denke an Shakespeare. Wer sich mit diesem Genie der Wahrhaftigkeit beschäftigt, der beginnt den Sekundentakt unserer Weltzugriffe zu verachten. Mein Wille ist es mehr und mehr, mich in der Wahl der Mittel zu reduzieren, die Effekte herunterzufahren und alles, wirklich alles aus dem Spiel der Schauspieler heraus zu entwickeln. Das ist meine Lust. Meine große Lust. Meine größte Lust.

Wie denken Sie über geistige Radikalität in einem staatssubventionierten Betrieb?
Es gibt diesen Widerspruch, er begleitete alle progressiven, einmischungsfreudigen Theatermacher des 20. Jahrhunderts. Er hält einerseits eine Sehnsucht lebendig, andererseits bremst er falsche Euphorien. Unlösbar. Verwöhnungsgefühle sind eine große Gefahr.

Gehalt bekommen heißt: gehalten werden. Sie sind einer der Verwöhntesten.
Ach, ja? Meine Leidenschaft kommt nicht von der Verwöhnung. Ich habe erst mit 24 angefangen zu studieren und mehrere Jahre in Hamburg und dann in hier Berlin Off-Theater gemacht - an den Wochenenden arbeitete ich an Tankstellen oder kümmerte mich um andere Gelegenheitsjobs. Ich weiß, was täglicher materieller Überlebenskampf ist, ich weiß, wie das auf die Möglichkeit von Theaterarbeit drückt, ich weiß, wie wenig Energie am Ende übrigbleibt, wenn die Erschöpfungen aufeinanderprallen.

Thomas Ostermeier, im April 2011 wurde der Theaterregisseur Juliano Mer Khamis vor dem Eingang seines Freedom Theatre Jenin erschossen. Ein sehr guter Freund von Ihnen. Was ist das für eine Welt, in der die Bestätigung für humanste Gesinnung darin besteht, dass man ermordet wird?
Es ist eine furchtbare Welt. Sehr guter Freund, das ist vielleicht übertrieben, aber ich habe Juliano und seinen Mut sehr bewundert. Sein Vater war palästinensisch, seine Mutter jüdisch. In einer seiner letzten Mails an mich vor seiner Ermordung ging es um unsere Teilnahme am Israel-Festival. In seinem Verständnis war das Israel-Festival in Jerusalem ein Versuch der israelischen Regierung, Kunst zu instrumentalisieren. Mit dem Festival sollte der Anspruch von Jerusalem als ungeteilte Hauptstadt Israels inszeniert werden. Wir sind trotzdem hingefahren. Als Deutscher konnte ich mir seine Sicht der Dinge nicht zu eigen machen.

Muss Kunst Partei ergreifen?
Shakespeare ist Menschheitstheater. Und ich als Außenstehender muss mich nicht zum Fürsprecher der palästinensischen Sache machen. Meine Aufgabe sehe ich einzig darin, zu verstehen. Verständnis ist ein friedensstiftendes Weltgut.

Auch das Böse verstehen?
Verstehen, wie das Gute und das Böse sich verknäulen. Verstehen, dass Gut und Böse manipulierende Reinheitsbegriffe sind. Das Leben selbst ist, auf jeder Seite, schmutziger. Wer eindeutig sein will, stößt mich ab. Ich weiß nicht, wie viele Intellektuelle oder Journalisten wirklich berufenen Mundes darüber sprechen können, was im Nahen Osten, vom Wesen her, geschieht.

Peter Handke entwarf, Richtung Balkan, den trefflichen Begriff der »Fernfuchtler«.
Schönes Wort!

Der Nahe Osten ist eine Region, von der vor allem große Verzweiflung ausgeht über das Nicht-heil-Werden der Welt.
Ich finde Ihre Behauptung, dort würde sich nichts ändern, falsch. So eine Haltung beleidigt alle, die mit Kraft und Ausdauer und ständiger mühsamer Überwindung ihres Verzweifeltseins an einer Lösung der Konflikte arbeiten. Wir hier haben kein Recht der fortwährenden skeptischen Bilanzierung, wir haben nur die Pflicht, die Hoffnung auf Frieden nicht aufzugeben.

Sie haben Juliano Mer Khamis einmal zitiert: »Ich sitze auf der Mauer zwischen beiden Fronten.«
Das war es vermutlich, was ihn das Leben kostete: Er kritisierte die Vorherrschaft der patriarchalen Clans im Flüchtlingslager und die Autonomiebehörde ebenso wie die, wie er es nannte, Apartheidregierung Israels und deren Armee. Ja, er saß gleichsam auf der Mauer, die die Westbank von Israel trennt. Das ist die Position, die am wenigsten Freude bereitet.

War das eben auch eine Auskunft über Sie selbst?
Es eine notwendige Position: in alle Richtungen kritisch zu bleiben. Ich würde mich aber nicht unbedingt mit dem Menschenrechtsaktivisten Juliano Mer Khamis auf eine Stufe stellen.

Verträgt sich Linkssein mit allzu großem Verstehen der menschlichen Abgründe?
Linkssein kann auch heißen: verstehen wollen. Oder: Freundlichkeit als philosophische Kategorie. Es ist praktisch die schwierigste Aufgabe der Welt.

Je älter man wird, desto differenzierter, versöhnender blickt man auf alles. Weniger radikal.
Ja. Andererseits gibt es wunderbare Leute wie Jean Ziegler. Da ist Radikalität nicht so sehr eine Frage des Alters, sondern der unbestechlichen politischen Analyse.

Wie fällt denn Ihre Analyse der Gegenwart aus?
Im Grunde genommen leben wir, marxistisch betrachtet, in einer vielfach stillgelegten Zeit: Es finden in unseren Breiten keine wirklichen Klassenauseinandersetzungen statt. Die Klassenkonflikte sind befriedet, und sie werden noch so lange befriedet sein, wie wir materielle Ressourcen besitzen und bestimmte Regionen der Welt für unseren Frieden in kräftiger Abhängigkeit halten können.

Der schöne Satz von Marx, das Sein bestimme das Bewusstsein, stimmt eben noch immer.
Ja, vor allem im verhängnisvollen Sinne.

Interview: Hans-Dieter Schütt

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!